Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zur Auseinandersetzung mit der "dialektischen Theologie"
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 358 (sequence 14)
- Language
- German
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358 Alexander Altmann Lebens aus. Das Wort Gottes muß daher verfügbar sein. Das heißt nicht, daß es aufhören darf, lebendig, heutig zu sein. Die Lebendigkeit des Wortes wird aber nicht von einer schließlich immer nur den gleichen Akt wiederholenden Entscheidung, sondern vom Worte selbst her kraft seiner Unausschöpfbarkeit gewirkt. Es gibt kein neues Wort, keine neue Tora — das neue Wort, die neue Tora sind eschatologische Begriffe, nicht inner« geschichtlich gültig —, es gibt nur das immer neue Deuten und Verstehen des alten Wortes. ״Nur wenn Du das alte Wort ver« standen hast,, kannst Du es neu verstehen/' (b. Sukka 46b.) Es gibt eine Tiefenperspektive des hebräischen Torawortes, die dem Prinzip der Heutigkeit durchaus gerecht wird. Die jüdische Mystik vor allem hat von ihr reichsten Gebrauch gemacht. Barths Ablehnung der Mystik des Worts steht in funktioneller Beziehung zu seiner Ablehnung der Mystik überhaupt. (Dogm. S. 137, 224.) Wichtiger aber als die Heutigkeit der Tora ist ihr Charakter als stabile, ewige Lehre. So gewiß die prophetische Rede durch Erschütterung immer neue Bereitschaft wecken will, so gewiß also auch das Wort Gottes nie zum vertrauten Besitz, dessen man sich satt erfreuen kann, werden darf, so gewiß ist auch, daß die Erschütterung nicht um der Erschütterung willen intendiert wird, sondern um des Vertrautseins mit dem ״Erbgut der Gemeinde Jaakows" willen. Die Erwägungen, von denen sich etwa eine Bibelübersetzung leiten zu lassen hätte, könnten nicht darin gipfeln, das alte Wort als ein neues erklingen zu lassen. So sehr Gottes Wort ״immer wieder von draußen schallen"15 muß, wenn in der Tradition eine Erstarrung oder gar eine Zäsur eingetreten ist, so notwendig ist es, daß um der Situation willen keine Verzeichnung der echten jüdischen Be« ziehung zum Worte Gottes erfolge. Die ״Entscheidung", um die es uns geht, ist daher nicht der je und je isolierte, zeitlose Akt der existentialen Erschütterung, der Schritt in die ״Ur« geschichte", sondern der einmalig zu fällende Akt der Weg« bestimmung, des Wiederanschlusses an ein geschichtlich Konti« nuierliches, ist der jüdische Akt der ״Teschuwa". Der Barth gegenüber gewonnene Standort macht es nicht mehr schwierig, unsere jüdisch«th׳eologische Stellung gegenüber dem jüdischen 15 Franz Rosenzweig, Die Schrift und Luther, 1935, S. 23.