Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zur Auseinandersetzung mit der "dialektischen Theologie"
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 352 (sequence 8)
- Language
- German
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352 Alexander Altmann punkt bezogen ist, charakterisiert die Genossenschaft der Urgeschichte, die kirchliche Gemeinschaft der Gläubigen. Im Mittelpunkt aber steht die Offenbarung, die als Urgeschichte ״das Urbild oder der Sinn aller Geschichte“ ist. (Dogm. S. 238 ff.) Das eben gebrauchte Bild, das sich bei Barth selbst findet, erinnert an das talmudische Wort von dem Reigentanz der Gerechten in der kommenden Welt. (b. Taanit 31a.) Dieses selbst hat seine Analogie im plotinischen Gleichnis: Wenn wir, so heißt es dort, auf Gott blicken, so haben wir das Ziel erreicht und Ruhe gefunden, wir umkreisen ihn in einem göttlichen Reigentänze. (Enn. 6, 9, 8 a. E.) Aber eben nur im Jenseits, nach Durchmessung des geschichtlichen Lebens, und — bei Plotin — in der Ekstasis, also in einem mystischen Akt der Einung. Es ist die Eudämonie einer übermenschlichen Erkenntnis, von der hier gesprochen wird. Die Erinnerung daran ist mehr als eine literarische Reminiszenz. Hier enthüllt sich eine überraschende Analogie. Es wird nämlich deutlich — was Barth durch seine scharfe Ablehnung jeder ideenhaften Fassung der Offenbarung (Dogm. S. 231) verschleiert —, daß die urgeschichtliche Offenbarung, wenn auch durchaus personal, ereignishaft und wirklich, dennoch ihren Sinn in einer — ״Sinngebung“, einem ״Urbild“ erschöpft. Offenbarung ist bei Barth tatsächlich in nicht zu weiter Ferne von dem philosophischen Begriff des ״Sinns“. Offenbarung ist, so konnte H. W. Schmidt den Standpunkt Barths, wenn auch den einer früheren Phase, charakterisieren, nicht ״ein geschichtliches Faktum, sondern der ewigkeitsbeziehende Sinn eines geschichtlichen Geschehens“. Das historische Faktum verhalte sich zur Offenbarung wie der psychische Denkakt zum intentionalen Sinn dieses Aktes. (Zeit und Ewigkeit, S. 39, 52 ff.) Bei Emil Brunner tritt diese Nähe des Offenbarungsbegriffs zum philosophischen Geltungsbegriff noch deutlicher zutage12. In dieser Berührung mit Husserl und dem Neukantianismus zeigt sich zwar sehr klar der Antihistorismus und Äntipsychologismus der dialektischen Theologie, nicht aber erscheint der konkrete theologische Sinn der Offen- 12 Zeit und Ewigkeit, S. 105 ff.; vgl, auch Torsten Bohlin, Glaube und Offenbarung, 1928, S. 82.