Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zur Auseinandersetzung mit der "dialektischen Theologie"
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 348 (sequence 4)
- Language
- German
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348 Alexander Altmann den ״qualitativen Unterschied“ von Gott und Mensch gesetzte Dialektik der Beziehung Gott״Mensch. Barth hat hier die For״ mel gefunden, in der der Mensch unserer Tage nach aller natu״ ralistischen oder selbst idealistischen Anthropologie wiederum einen Begriff des Menschseins prägt, der in der Bezogenheit auf Gott gründet. Die Gottfeme und Gottsehnsucht einer ganzen geschichtlichen Epoche ist darin eingefangen. Die Entschei״ düng für Gott, von der oben die Rede war, ist daher Entschei״ düng im Widerspruch, stets neu zu vollziehen, immerwährende Geburt des Menschen aus der Gnade des Anrufs und seines Er״ hörens. Ist diese These vom Widerspruch für das jüdische Bewußt״ sein akzeptabel? — Keine Frage, Barth interpretiert in seiner Dialektik von Frage und Antwort die Situation des heutigen abendländischen Menschen. Die Verzweiflung an Gott und Mensch schafft sich hier ihren erlösenden Ausdruck, aber zu״ gleich ihre Permanenzerklärung. Ist der Jude dieser Gottfeme als Glied der säkularisierten Welt mit verfallen? Ist Kierke״ gaard der Prototyp auch des heutigen Juden? Man hat Franz Kafka mit Kierkegaard verglichen. Aber es ist kein Zufall, daß der Jude Kafka eine wesentliche Differenz gegenüber der prote״ stantischen Dialektik aufweist: Gott und Mensch stehen weiten״ fern auseinander0, aber sie stehen auseinander. Das heißt, Gott ist Gott in sich, und der Mensch ist Mensch in sich. Die Frage ist, wie sie Zusammenkommen, nicht, wie sie Zustandekommen. Würden sie Zusammenkommen, so s t ä n d e n sie zusammen. Keine Dialektik des Widerspruchs verhindert das ruhende Menschsein. Hier spricht eine jüdische Erinnerung. Gott steigt hinab auf den Berg Sinai, und Mosche steigt hinan. Gott und Mensch begegnen einander, nicht aber hebt Gott die mensch״ liehe Existenz nach: der Schöpfung wieder auf, indem er sie in der Offenbanrng' anspricht. Wie sollte dies denkbar sein, wenn der Mensch wirklich und wahrhaftig Geschöpf Gottes, seinem Schöpfer ebenbildlich, ist? ״Der Kleinste in Israel weiß um die Schöpfung.“ (Ex. r. 30, 9.) Es ist die Gnade, die uns gewor״ den, zu wissen, daß wir im Bilde Gottes Geschöpf sind. (Abot 6 Vgl. Heinz Politzers Nachwort zu dem Auswahlbändchen ״Franz Kafka, Vor dem Gesetz“, 1934, S. 77 ff.