Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Zur Mathematik in Bibel und Talmud
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 3)
- Language
- German
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226 Alfred Loewy Talmudgelehrten das Methodische, den Zwang rein logischer Beweisführung, was die Mathematik zur Wissenschaft erhebt, nicht weitergehend kannten oder nicht als Notwendigkeit emp״ fanden oder weil von ihnen die für diese abstrakte Mathematik aufzuwendende Zeit als nicht im Verhältnis zu ihrer Anwendungsfähigkeit stehend angesehen wurde. War doch die Geo״ metrie zu jener Zeit im wesentlichen nur reine Verstandes״ Übung; noch waren nicht die Kegelschnitte als Planetenbahnen erkannt und noch existierte keine Formelsprache zur Beschreib bung des Naturgeschehens. Die Anschauung, daß man nicht alles treiben kann und daß sich in der Beschränkung der Meister zeigt, war, wie ich glaube, der Grund dafür, daß die Verfasser des Talmuds, die sich infolge ihrer hingebungsvollen Begeiste״ rung für das Religionsgesetz und für die Ethik möglichst auf die ״vier Ellen der Halachah“ zu beschränken suchten, der logischen Mathematik aus dem Wege gingen. Daß sie aber von Mathe״ matik mehr gewußt haben, als im Talmud niedergelegt wurde, ist die Ansicht von Zuckermann5. Ob und wie weit es unter den Talmudgelehrten Persönlichkeiten gab, die in das Wesen griechischer Mathematik wirklich tiefer eingedrungen waren, vermag ich nicht zu sagen; von Feldmessern, bei denen eine Befruchtung durch Heronische Gedanken anzunehmen ist, spricht der Talmud (babli, Erubin 56b). Ein Beispiel dafür, wie weit man im Interesse seiner Jünger mit der Ablehnung von Gedanken, die einem selbst auf das innigste vertraut sind, gehen kann, bilden die Principia philosophiae naturalis des gewaltigen Naturforschers und Mathematikers Newton. Obgleich zur Her״ leitung der in ihnen enthaltenen Gesetze der Planetenbewe״ gung die von Newton stammende Fluxions״ oder Differential״ rechnung die geeignetste Methode war, hat er diese, wohl um dem Leser nicht die Schwierigkeit zuzumuten, sich in eine neue Disziplin einzuarbeiten, und vielleicht auch in Verehrung der alten griechischen Mathematik, vermieden. Beständiges Zu״ sammentreffen mit griechisch sprechenden Diasporajuden — er״ 5 Vgl. B. Zuckermann, Das Mathematische im Talmud, Beleuch״ tung und Erläuterung der Talmudstellen mathematischen Inhalts, Breslau 1878, S. 23 und 30.