Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Um das Gebot der Nächstenliebe
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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233-:■' Max Rattert'*-י• ־‘ ׳ Hartwig Wessely* dem hebräischen Dichtei'und Sprachgelehrten des 18. Jahrhunderts/ glückte es vermöge einer trefflichen philologischen Entdeckung* die Zuleitung und, Verknüpfung . $ines exogene Gedankens mit dem Bibelwort überflüssig zu machen: Er fand t,nämlich die Auffassung B. Azzais .im Bibeltext, selbst ausgedrückt und übersetzt , ihn: *,Liebe deinen Nächsten, er ist wie du•"" Damit konnte , nun der Eindruck des Gesuchten und Gewaltsamen abgetan werden/ der nun einmal bei der Verkopp* lang eines biblischen Gedankens mit einem neuen, nicht von ihm selbst involvierten Denkinhält sich1 unvermeidlich einstellt Als Ergebnis bleibt festzüstellen, daß die Äußerungen $üdi~ scher Sittenlehrer, die sich auf das Wesen der Nächstenliebe' beziehen, eine Einschränkung der Bedeutung des Nächsten im Sinne des Volksgenossen und Stammesangehörigen nicht zulassen. Nun ist es freilich nicht so, daß dem Gedanken einer universalistischen Menschenliebe zu Gefallen der vermöge einer naturgesetzten Ordnung Zunächststehende (Blutsverwandter, Fachgenosse, Freund) bei ihrer Zumessung zurückstehen müsse, und daß dann vielleicht eine Auffassung zutage tritt, die dem gewagten Worte des Cosirrto von Medici bedenklich nahekommt: ״Ihr könnt lesen, daß uns befohlen ist, unseren Feinden zu ver- Lieblosigkeit Leidende, der Mißachtete und Geächtete erscheint. Sollte sich darin eine Ahnung aixsdrückert, daß der Begriff der Gleichheit am energischsten von Menschen erfaßt wurde, die enterbt und ausgestoßen waren, von Parias? Der aus der Gesellschaft ausgeschlossene kann keinen höheren Wunsch habeny als daß andere sich ihm zuges eilen, die in der gleichen Lage sind wie er. Denn abgesehen von der Genugtuung, die er dabei empfindet, Schicksalsgenossen um sich zu haben, hat er dann die Möglichkeit vor sich, gleichsam durch ein Hintertürchen wieder in die Gesellschaft einzutreten. Wo allemal der Versuch gemacht wurdte, die Idee der Gleichheit politisch zu verwirklichen, ging er von Leuten! aus, die die Gesellschaft verachtete, von Parias, Proletariern. Mit der Einsetzung des Sittlichen in seine Würde, stellt sich diesem materiellen Begriff der Gleichheit die ideale Gleichheit im sittlichen Handlungsbereich entgegen, die an irgendwelche sichtbaren Zeichen des Gleichheitsstandes nicht gebunden ist Das Streben derer, die Gleichheit im Äußeren wünschen aus der Last ihres Erdengeschicks, wird überwölbt von der uranfänglich gesetzten, meiaphysischen, durch die Gottesebenbüdliehkei{ verbürgten Gleichheit aller Menschen.