Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Um das Gebot der Nächstenliebe
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 8)
- Language
- German
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216 Max Katten Wenn Jesus den Samaritaner als den Nächsten bezeichnete, mu& der Jude, so war man zu schließen geneigt, den Volksgenossen als den Nächsten betrachtet haben. Indessen wird es ja schon am Gleichnis selber kund, daß es Juden gab, und zwar hoch״ angesehene Vertreter des Kultus, die nicht einmal im Juden den Nächsten sahen und nach dem Liebesgebot an ihm handelten. Wie also wäre jener Schluß vollziehbar? Vielmehr scheint, was Jesus sagen will, dieses zu sein: Wer der Nächste ist, das hängt von dem Reichtum an Liebe ab, den einer in sich trägt. Für den Priester und den Leviten, die teilnahmslos an dem ausge״ plünderten und mißhandelten Juden vorübergehen, ist nicht einmal der V o 1 k s g e n o s s e der Nächste, für den mit״ leidigen Samaritaner sogar der Nichtvolksgenosse. Oder um im Sinne der von Jesus gestellten Schlußfrage zu antworten: Näch״ ster ist, wer mit dir in ein sittliches Verhältnis zu treten bereit ist, Nächster ist, wer dir Nächster sein will, unbekümmert darum, ob er dein Volksgenosse oder ein Fremder ist. Im Grunde gibt sich in der Auskunft der Gleichnisrede eine Ab״ Weisung der Frage und eine Zurechtweisung des Fragenden zu erkennen. Der Schriftgelehrte verlangt eine genaue Definition des ״Nächsten'" von seiner Stellung im Gesellschaftskreis, von seinem ethnischen Herkunftsort aus oder von welchem Standort immer her. Jesus aber gibt ihm zu verstehen, daß der Begriff des Nächsten nur aus der Sittlichkeit selber und aus ihrer Ten״ denz zur Bindung und Verbindlichkeit erfaßt werden kann, und eigentlich meint R. Samuel b. Meir nichts anderes; wenn er den Nächsten mit ״der Gute"" kommentiert23. —1 ״Für Jesus ist der Volksgenosse der Samariter""24. Nur der Samariter? Soll das heißen, daß nicht auch gegebenenfalls der Volksgenosse ihm Nächster sein könnte? Vielleicht schrumpft der Gegensatz zwischen jüdischer und christlicher Auffassung gar zu einer dünnen Betonungsdifferenz zusammen, wobei es darauf an״ kommt, wie das Wörtchen ״auch"" gebraucht wird: die jüdische Auffassung betrachtet als Nächsten den Volksgenossen und auch den Fremden, die christliche den Fremden und auch den 28 Raschb&m zu Lev. 1918. 24 So behauptet kategorisch Berfcholefc, Handleom. zum A. T. Lev. 19ljr