Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Um das Gebot der Nächstenliebe
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 5)
- Language
- German
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Um das Gebot der Nächstenliebe 213 weisen haben ihre psychische Wurzel in der Grundstimmung der Freude. Sich am Nächsten freuen, ist nach Bachja eine der maßgebenden Bekundungen der Nächstenliebe1*, und zweifellos kann auch jüdischerseits dem Nietzsche-Wort zugestimmt werden: Mitfreude, nicht Mitleiden macht den Nächsten14, wenngleich sich in der Mitfreude keineswegs die Ausdrucksfülle der Nächstenliebe erschöpft. Zu bedenken ist aber, daß von ihr aus dem Gebot eine ausgedehntere Anwendung gesichert ist als vom Mitleiden aus. Es wird eher jene Maximalität der Brfüllungsmöglichkeit erreicht werden können, der jedes sittliche Gebot zustrebt, da aus der breiten Masse der Menschen es Verhältnismäßig wenige sind, deren Zustand Mitleid erweckt und zu einer aktiven Hilfe unmittelbar auffordert. Wir erinnern uns, daß auch die bekannte Hillelsche Erklärung, worin die Nächstenliebe besteht, negativ formuliert ist: Was dir unlieb ist, tue deinem Nächsten nicht. Neben dem Grund, daß in solcher Form, der Enthaltung von schädigendem Tun, der in dem Gebot zum Ausdruck kommenden Gesinnung eine maximale Wirkungsbreite sich darbietet, nicht zu den Wenigen, die unter einer Not stehen, sondern zu den Vielen hin, die sich des innerlich und äußerlich Erworbenen freuen und sich darin bestätigt und anerkannt wissen möchten, sprechen andere, innere Gründe für die negative Fassung des Hillelschen Ausspruchs. Er appelliert an die Selbsterfahrung, und der Mensch hat nun einmal ein besseres Gedächtnis für das Böse, das ihm angetan wurde, als für das Gute, das vielfach als das Selbstverständliche erscheint. Zudem besteht unter den Menschen eine größere Übereinstimmung hinsichtlich der Übel, von denen sie verschont sein möchten, als hinsichtlich dessen, was ihnen nützt und dient, da hier mehr die persönliche Neigung und Strebensrichtung entscheidet. Es ist aber auch nicht an dem, daß eine Untätigkeit gegen das Objekt hin ein absolutes Nichtstun bedeutet. Dafür möchte ich bloß zwei Beispiele, wiederum aus dem ״Buch der Frommen4", anführen, die sich ausdrücklich auf die Bibelstelle berufen und in etwa als Grenzpunkte einer Skala von derartigen Haltungen 1לדימונה לקרוביו 1לשמווו בחבידיו ג Chob. halk Vt 9. 14 MenschEches, Allzumenschliches 499.