Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Um das Gebot der Nächstenliebe
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
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212 Max Kalten gelegen ist, sondern grade mit denen ihn beglückt zu sehen, die es an sich selbst schätzt, auf die es stolz und eifersüchtig ist10. Der Mitstrebende, der in gleicher Art Tätige* 11, der Nächste, der in seiner Doppelerscheinung als der Kollege (von der Organisation und der Konvention her gesehen) und der Rivale (vom Selbstgefühl und Strebensideal aus) das sittliche Gewissen irritieren kann und in die Stellung des Ich zu ihm eine Unreinheit, einen falschen Ton zu bringen geeignet ist, erhält so eine typische Bedeutung, wird nahezu zum eigentlichen Inhalt dieses Begriffs. Für unser Bemühen um die Erkenntnis von Sinn und Bedeutung des Liebesgebotes und seiner begrifflichen Bestandteile kann es einen Fortschritt bedeuten, wenn wir sehen, daß jüdische Schriftgelehrsamkeit, und zwar sehr früh, das Gebot in die nächste Nähe des Dekalogs gestellt hat. Nach R. Levi steht das Liebesgebot für das letzte der Zehn Worte12. Unter den Entsprechungen nimmt es insofern eine besondere Stellung ein, als inhaltlich eine Gleichheit nicht ohne weiteres zu bestehen scheint, dann auch, weil positiv Gefaßtes einem negativ Gefaßten korrespondiert. Wenn nun offenbar durch ein Unterlassen, . ein Nichtbegehren und Nichttun die Forderung der Nächstenliebe bereits befriedigt wird, so braucht das noch keineswegs innere Anteillosigkeit, Gefühlsleere zu bedeuten. Die Liebe kann durchaus ihren positiven Gesinnungs- und Gefühlsausdruck haben: den anderen anzuerkennen, gelten zu lassen, ihm gern zu gönnen, was er sein Eigen nennt an Fähigkeiten und Verdiensten, an Ehre und Besitz. Alle diese Verhaltungs- 10 Vgl, Pentateuchkommentar zu Lev. 1918. 11 Über das wenig freundschaftliche Verhältnis unter Gleichen macht schon Bacon eine treffende Bemerkung: ״Wenig Freundschaft ist in der Weit zu finden, am wenigsten unter Gleichen, obwohl man davon, viel! Aufhebens gemacht hat“. Essays 48. 12 Waj, r. 242. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß sowohl Matth. 1918,19 als auch anderswo (z, B. Kusari III,1ג) bei der Aufzahlung der dem Dekalbg entnommenen Sittlichkeitsgebote das zehnte Milt und! statt dessen das Gebot der Nächstenliebe steht. Außerdem ist iiberednstrmmend die Reihenfolge insofern anders, als das 5. Gebot hinter dem 9. kommt!, vor dem Satz von der Nächstenliebe. Ganz offensichtlich ist das Prinzip des moralischen Fortschritts zugrunde gelegt-