Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Um das Gebot der Nächstenliebe
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
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Um das Gebot ׳■dfer Nächstenliebe . .211' auch denjenigen Bösen ein, dessen Böses sich gegen das Sub־< jekt, den zur Liebe auf gef orderten; wirklich oder vermeintlich, richtet, also den Hasser, den Feind.‘ Schlägt schon *die Bibel deutlich das Thema der Feindesliebe an, die sie in der praktischen Denkungsart, die ihr ,;eignet,- an solche Situationen knüpft, wo die Schwäche des Gegners am Tage ist, als sei mit seiner Unfähigkeit zu Angriff und Gegenwehr auch das tatsächliehe Feindschafts Verhältnis aufgehoben und nur mehr die einfache Frage der Menschlichkeit gestellt, so hat der mittelalterliehe Philosoph diese Forderung von allem Gelegentlichen befreit und ihr einen allgemeinen und unmißverständlichen Ausdruck gegeben. Dem Feind soll der Mensch Liebe entgegenbringen und ihm Gutes tun, soweit er nur immer vermag7. An einem wirkungsvollen Beispiel, das darum so eindringlich spricht, weil hier zwei divergierende Gefühlskomplexe gegeneinandergestellt werden, die notwendig in einen Konflikt geraten, zeigt Samuel der Fromme, bis zu welchem Grade Feindesliebe gehen kann: ״Groß ist, wer seinen Hasser errettet von seinem Freunde"8. Die Frage, ob die Feindesliebe ihrem Wesen nach ihre Triebkräfte aus dem Gefühl schöpfen kann, ist der weiteren Frage untergeordnet, ob Nächstenliebe überhaupt durch Empfindungen und Affekte absolut zuverlässig beraten ist und an die Ziele geführt wird, die die sittliche Aufgabe weist. Ein so wackerer und christlicher Mann wie Walther v. d. Vogelweide bekennt sein Unvermögen, gegen den Feind wohlwollende Gefühle zu hegen9. Demgegenüber sieht Nachmanides das für die Nächstenliebe Charakteristische, das, worin ihr Sittlich- י keitscharakter beruht, darin, daß sie an dem Menschen vor allem bewiesen wird, in dessen Stellung zum Ich am häufigsten der Keim von Spannungen und Differenzen liegt, an dem Mitbewerber, dem Konkurrenten und Rivalen. Es sei nicht damit getan, meint er, ohne Bitterkeit den Nächsten bloß im Besitz-von solchen Fähigkeiten und Gütern zu wissen, an denen dem Ich nichts 7 אך יגמלם חסד ויעשה להם כל מה שיוכל לעשות מן הטוב Bachja, Chob. halbaboth, Äbschn. בטחון Abs. 4. ״ וגדול מציל שונאו מאוהבו 8 ־. Sef. Chassidiiri Nr. 47. ״ 9 ־wie s.olte ich den geminnen, der mir übele tuot“. In dem Gedicht: Vil wol gelobter got. Ausgabe Bartsch 1873r Nr. 137. 14*