Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Um das Gebot der Nächstenliebe
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
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210 Max Katten Gehalt beträchtlich einzuschränken und statt seiner mehr und mehr das sittliche Verhältnis der Eintracht zu setzen. Aber ebenso gefahrvoll für den Bestand der Ehe wie erotische Un~ beherrschtheit erscheint dem Talmud jene Nachlässigkeit, wie sie in der verbreiteten orientalischen Sitte sich kundgibt, daß der Mann die Braut nagh der Hochzeit erst zu Gesicht bekommt. Wer die Frau, die er zu seiner Gefährtin macht, nicht zuvor,, kennen lernt und in ihrer Erscheinung auf sich wirken läßt, begeht eine Lieblosigkeit, verstößt gegen das Gebot ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“®. Eine etwas befremdliche Anwendung des Gebotes zeigt die Anordnung, dem zum Tode Verurteilten ein leichtes und schmerzloses Ende zu bereiten und seinem Körper nicht , mehr als notig Verletzungen zuzufügen, denn ״du sollst liebem deinen Nächsten wie dich selbst“* 4. Wesentlich ist aber doch dies: indem das Gebot in Beziehung zu dem Akt sühnen‘-, der Gerechtigkeit gesetzt wird, fällt bei der. Änalogisierung dem Begriff des Nächsten der Böse zu. Der Nächste ist auch der Böse, der ganz und gar Verlorene, der das irreparable Böse begangen hat, oder, sagen wir vielleicht genauer, der Böse, sofern er bereit ist, das verletzte Recht wiederherzustellen. Denn in der gleichen Art, wie gebende Liebe erst sinnvoll wird, wenn die Gerechtigkeit erfüllt ist, so kann Liebe erst gefordert werden von dem, der sich der sühnenden Gerechtigkeit unterwirft. Die Idee der Liebe gesellt sich eng so der Gerechtigkeit, sei es, daß das Böse bereits zur Tat geworden ist und die Liebe den Sühnungsakt begleitet oder hinter ihm dreinflutet, sei es, daß das Gute nur in Gefahr ist, sich aufzugeben, aber mit dem mahnenden Worte leicht wiederherzustellen ist, worauf der Ausspruch deutet: ״Jegliche Liebe, die nicht mit Zurechtweisung verbunden ist, ist keine Liebe“5. Ja, die Gerechtigkeit bildet den geheimen Anwendungsgrundsatz der Liebe, insofern diese prinzipiell sich keinem versagt, auch dem Bösen nicht, auch dem Feinde nicht. ״Der gute Mensch hat ja kein finsteres Auge, er hat mit allen Mitgefühl, auch wenn sie Sünder sind“6. Die Liebe schließt 8 b. Kid. 41a. 4 Keth. 37b, Sanh. 45a. 5 Ber. r. 54g Ansicht des R. Jose b. Chanina. 8 Test, der 12 Patriarchen XÜr 4.