Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Um das Gebot der Nächstenliebe
- Date
- 1935-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Um das Gebot der Nächstenliebe. Von Max Katten. Die vorliegende Arbeit hat sich die Aufgabe gestellt, an einigen Beispielen, die der Traditionsliteratur und dem religiös״ ethischen Schrifttum entnommen sind, zu zeigen, wie jüdisches Denken das alttestamentliche Gebot der Nächstenliebe verstau״ den und ausgelegt hat Es handelt sich in erster Reihe darum, den Wesensbegriff der Liebe aufzufinden und klarzustellen. An den Verhaltungsweisen, an der ״Liebesarbeit", die mit dem Satz ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"1 gestützt und durch ihn empfohlen wird, wird der innerste Sinn des Liebens deutlich und faßbar. Was man praktisch von dem Gebote lernen und ableiten wollte, ist zugleich eine Interpretation seines Sinns. Dann aber wird auch Licht fallen auf den Begriff des Nächsten. Niemals wird im jüdischen Schrifttum direkt nach dem Nächsten gefragt: ״wer ist der Nächste?" wie etwa im Neuen Testament2. Man hat den Satz als Ganzes gesehen und angewendet, nicht den Blick auf einen seiner Teile gelenkt. An der Art jedoch, wie man ihn bewertete, von welcher Zeit an man ihm Geltung zu״ sprach, welchen Personenkreis man für seine Beobachtung ver״ pflichtet hielt, wird ersehen werden können, als wen man den Nächsten verstanden und begriffen hat. Wir gehen von jenen Fällen aus, bei denen das Gebot zur Begründung eines speziellen Verhaltens dient. Bisweilen näm״ lieh zieht der Talmud unseren Satz an, um eine Verhaltungs״ weise, die mehr einen Brauch darstellt als auf satzungsmäßiger Grundlage ruht, zu begründen. Unter Berufung auf das Gebot wird den Ehegatten eingeschärft, die Gesetze der Schicklichkeit nicht außer acht zu lassen, ״vielleicht sieht er an ihr etwas Widriges, und sie wird ihm zuwider" (Nid. 17a). Die Möglich״ keit einer Entfremdung der Eheleute liefert sonach den Vorwand, um den Begriff der Liebe zu klären, ihn in seinem sinnlichen 1 Lev. 1918. 2 Luk 102Q. 'Monatsschrift, 79. Jahrgang 14