Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zu Hermann Cohens Spinoza-Auffassung
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 6)
- Language
- German
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186 Ernst Simon Privatbriefe scharf gegen jede gottlose Ethik ausgesprochen12. Was aber ist die Ursache und wann tritt sie hervor? Vergleichen wir zunächst Gohens eigene große systematische Leistung auf dem Gebiete der Ethik, seine ״Ethik des reinen Willens“ in ihren beiden Auflagen von 1904 und 1907, so finden wir unter den überaus zahlreichen Stellen; die sich mit Spinoza scharf auseinandersetzen; nur eine einzige; in der die Formulierung der zweiten Auflage über die der ersten hinausgeht. Es heißt zunächst in beiden Auflagen (S. S. 14/15):;;Spinoza bezaubert den Leser durch die Ruhe und die Erhabenheit über Vorurteile und herrschende Ansichten; durch die er den Anschein einer antiken Nacktheit annimmt; indem er die menschlichen Leidenschaften und auch die Handlungen auf ein Niveau mit den mathematischen Figuren setzte“. Dann aber fährt die erste Auflage fort:;;Solche Gesinnung ist aller Ehren wert; wenn es sich um eine U r t e i l (Sperrung von mir. B. S.) handelt in dem Kampf der Meinungen und der Parteien; sie widerspricht jedoch der Möglichkeit einer Ethik; wie sie Platon geschaffen hat.“ Die zweite Auflage aber billigt jener spinozistisehen Ruhe und Erhabenheit;,alle Ehren“ nur dann zu, ״wenn es sich um Vorurteile handelt...“ (Sperrung von mir. E. S.) Der echte Kampf der Meinungen und Parteien, bei dem es nicht nur um Vorurteile, sondern um Urteile geht, soll nun also mit Leidenschaft geführt werden[ So wichtig auch diese Änderung ist — sie zeigt die Ent- Wicklung, die Cohen in den drei Jahren von 1904 bis 1907 in das öffentliche Leben hineingeführt hat — so bleibt doch als Hauptsache festzuhalten, daß es die einzige Änderung ist. Im übrigen enthält also schon die erste Auflage der ״Ethik des reinen Willens“ den weiter verschärften systematischen Gegensatz Cohens zu Spinoza: die Ablehnung seiner geometrischen Methode, die den Menschen zu geometrischen Figuren macht, weshalb die Spinozisten Schelling und Hegel keine Ethik haben schreiben können13; die Verteidigung des Willens gegen die 12 Mitgeteilt vom Udco, a. a. Q.f S. 6. 13 Ethik des reinen Willens, 3. A. 1921, S. 15 f.; die 3. A. ist ein posthurner Abdruck des zweiten.