Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 79 (1935)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Stellung Achad Haams zu Maimonides
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 4)
- Language
- German
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171 Die Stellung־ Ach&d Haams zu Maimonides Wenn nun die Erlangung der höchsten erreichbaren Er־* kenntnis die höchste Zweckbestimmung des Menschen ist, diese Erkenntnis aber nur einer Minderheit zugänglich ist, dann scheint doch die große Masse zur dauernden Unmündigkeit und Bedeutungslosigkeit verurteilt zu sein. Dem ist aber nicht so. Das Volk hat vielmehr die Aufgabe, den hohen Erkennenden aus seiner Einsamkeit zu erretten, ihm die Wärme menschlicher Gesellschaft zu geben. Sie soll schließlich die materielle Kultur so zurüsten, daß dem Erkennenden die Sorge um die primitive Daseinserhaltung und für die primitiven Grundlagen der Gesell־* schaft abgenommen wird; denn nur dann kann er seinem Er־* kenntnisziel in Konzentration nachgehen. Damit kommen alle Zweige der menschlichen Kultur zu ihrer Rechtfertigung, selbst die schonen Künste, die die Seele des Erkenntnisdurstigen vor Trübung und seinen Geist vor Ermüdung bewahren. Auf diese Weise wird die Gesellschaft zu einer notwendigen Grundlage für die Förderung der auserlesenen Minorität. Sie gewinnt eine sittliche Würde, und eine Bedeutung, die sie von sich aus nicht hat. Ja, ihre Bedeutung wird gleichsam nachträglich eine so hohe, daß bei eintretender Konkurrenz von individuellen und sozialen Kriterien das gesellschaftliche Anliegen den Vorrang hat* * * * 5. Mit dieser Interpretation, die Aehad Haam aus Moreh III, verfährt er genau so wie M. auf Grund der jüdischen Werthestiramixngen mit der Demut: I3x׳v 077 6 0/'0«{>0^0־ן־15נז; t<T> |13v ^L£־(e8־c1 <zx4oo;, 03 cV>~ 03t jjlssoc; (Nikomachische Ethik IV, 7). Es ist übrigens falsch, die ״Mitte“ als arithnvetisches Mittel zu verstehen und dem Akt des Wählens der ״Mitte“ den Charakter der sittlichen Entscheidung zu nehmen. Das kann an dieser Stelle nicht näher ausgeführt werden. Gegen das Mißverständnis der Ethik des Aristoteles in einem phili־* strös״bürgerlichen Sinne hat Schilling, Das Ethos der Mesotes, 1930, mit Recht Verwahrung eingelegt. 5 Bei der Rechtfertigung der Masse darf an eine geistreiche Erklä« rung Nietzsches erinnert werden. Plato hat einmal in seinem Staatsentwurf die Frau aller staatsbürgerlichen Rechte beraubt, an einer anderen Stelle aber läßt er ihr alle Rechte. Nietzsche erklärt, Plato habe seiner Staats« auffassung gemäß die Frau durchaus als Instrument für die Fortexistenz des Staates angesehen und ihr somit noch nicht einmal das Recht auf die Brsiehung des Kindes gegeben, dann aber habe er, voller Bewunderung für die ihr zugedachte Selbst entäußerung, sie wieder in alle Rechte eingesetzt. Ähnlich gewinnt hier die Masse des Volkes die Rang« und Werterhöhung