Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Kassel nach der Fremdherrschaft
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 605 (sequence 19)
- Language
- German
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Kassel nach der Fremdherrschaft 605 verklärt. und in hellem Lichte erstrahlen läßt, das ist die tiefe Tragik seines so überaus kurzen Erdendaseins. Sie begeisterte einen echten Dichter, den einzigen fast, den Kassel hervorgebracht hat, zu einer rührend schönen Erzählung, deren Held der ehemalige Kasseler Seminarist und spätere Rabbiner Henoch, und dessen Heldin die Tochter des alten Raf, Mine, ist-. Die innige Liebe Henochs zu Mine *weicht, als er, von Würzburg zurückgekehrt, zum Landrabbiner gewählt wird, einer starken Neigung zu der jugendschönen Berta Reinach. Berta ist von 7 blühenden Sie machen ihm den Vorwurf der Unehrlichkeit und des Jesuitismus. ״ Gleichwie in seinen Privatbeziehungen, beobachtet Herr Dr. R. auch in seinen öffentlichen Vorträgen eine rücksichtsvolle Diskretion. Anders und vorsichtiger spricht er vor einem großen Auditorium, anders im geschlossenen Zirkel gleich gesinnter Freunde. Wohl mögen die letzteren oft über den Inhalt seiner öffentlichen Vorträge frappiert sein und un- ״laubig die gläubigen Köpfe schütteln. Allein er weiß, durch ein Wort, eine feine Wendung ihre Bedenklichkeiten leicht zu beschwichtigen. So war es z. B. am Abende des Festes der Thorafreude, als Herr Dr. R. vor einem ungewöhnlich zahlreichen Auditorium einen religiösen Vortrag in ultramodernem Geschmack zum Besten gab . . .*■ Mit Recht aber durften die altgläubigen eifrigen Anhänger des Herrn Dr. R., denen das Wort ,,Vernunft (das er in jenem Vortrage für das höchste Prinzip des Jt. erklärt hatte) ein Schreckbild ist, mit bangen Zweifeln und Besorgnissen auf ihren treuen Seelenhirten blicken. Allein dieser Letztere wußte nicht nur ihre Zweifel mit Gewandtheit zu beseitigen, sondern auch ihr unbedingtes hingebendes Vertrauen aufs Vollständigste zu erneuern und für alle Zukunft sich zu sichern“. ... Am Sterbetag Moschehs, dem 7. Adar, hielt er einen Trauergottesdienst zur Erinnerung an 4-unlängst geschiedene Rabbiner ab. Er erinnerte daran, wie einst nach der Sünde mit dem goldenen Kalbe die treuen Leviten sich um ihn geschart hätten, um die übrigen zum Gehorsam zurückzuführen. So erkenne auch er in der kleinen Schar der am Donnerstag in der Synagoge Versammelten die Stützen und Träger des echten Judentums. Sie würden die Abtrünnigen wieder auf die Bahn des Glaubens zurückführen. .״.Ob gleichfalls durch das Schwert oder durch irgend andre Mittel, hat Hr. Dr. R. unentschieden gelassen und stillschweigend in das Ermessen seiner neuen Leviten verstellt“. ,,Der ganze Vorgang erinnert uns unwillkürlich an jene feierliche Promotion, wodurch das Oberhaupt der Kirche inmitten seiner Cardinäle die Schar der Heiligen durch neue Glaubensheroen verstärkt und dabei mit zerknirschtem Gemüte den täglich zunehmenden Verfall der Religion beklagt . . . 4 ״Der Trauergottesdienst, von welchem bisher die Rede gewesen, schloß mit trost- und hoffnungsvollen Blicken in die Zukunft