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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1934-01-01 · Heft 6 · p. Seite 595

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
78 (1934)
Issue
Heft 6
Article
Kassel nach der Fremdherrschaft
Date
1934-01-01
Page
Seite 595 (sequence 9)
Language
German
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Kassel nach der Fremdherrschaft 595 183r1egte Kurfürst Wilhelm II., kein Jüdenfreund1, nicht formell, aber tatsächlich die Regierung nieder und uberließ dieselbe dem Kurprinzen, dem späteren letzten Kurfürsten, unter dem Namen eines Mitregenten 2. Der Beginn der neuen Regierung stand wenigstens in wirtschaftlicher Hinsicht unter einem günstigen Stern. Durch eine Zollpolitik von der Art, wie man sie damals wöhrschon als langsamen Selbstmord bezeichnet^ hatte Hessen sich so vollkommen isoliert, daß das Außengeschäft 1928 auf Null gesunken war. Jetzt war der Tiefstand erreicht, und es ging wieder aufwärts3. Die finanzielle Notlage, die ,wie ein Alp 1 Das Gesetz von 1823 fand auf Hanau keine Anwendung. Dort erschien 1830 ein Sehriftchen mit dem Titel ״Klageruf der Israeliten in Kurhessen und Appellation an den Zeitgeist, abgedrungen durch Entziehung der allgemeinen Menschenrechte“. Diesen Klageruf der Hanauer Juden, der mit beweglichen Worten ״die Palme gesetzlicher Freiheit“ nach 1800 langen Jahren“ ersehnte, übersandte man dem Kurfürsten, der darunter schrieb: Timeo Danaos et dona ferentes. Lassen wir sie, was und wo sie sind, denke, wir haben an dem einen, den Hessen feist gemacht hat, genug.'4* Mit diesem einen meinte er den Frankfurter Rothschild, ohne den er aber gar nicht fertig werden konnte. (Losch, ״Gesch. d. Kurfürstentums Hessen“, S. 145.) r ־* : 2 Der Kurprinz galt anfangs eher als judenfreundlich. Er war morganatisch mit der späteren Gräfin von Schäumburg und Fürstin von Hanau vermählt und hatte aus dieser Ehe zahlreiche Kinder. Meyer Rothschild in Frankfurt am Main half ihm zu deren Versorgung, und es kam oft vor, daß der Fürst mit der Gräfin und den Kindern bei dem guten Geschäftsfreund ganz familiär sein MittagsmahL einnahm. (Corti ״Der Aufstieg des Hauses Rothschild“ II, 243.) Am 30. Oktober 1833 hatte R. für das Gesetz, das einen besonderen Glanzpunkt in der RegierungsgeschfcHte des Regenten bilde, aufs wärmste gedankt. Aber dieser neue Fürst gehörte leider zu den seltenen Menschen, denen nicht bloß jede Spur von Wohlwollen für ihre Mitmenschen fehlt, sondern eine entschiedene Neigung zum Übelwollen eigen ist. ״Fast jeder Fortschritt“, sagt ein so maßvoller Mann wie der Reichsgerichtsrat Otto Bähr in seinem ,Buche ״Das frühere Kurhessen“, S. 58, ,,wurde gehindert durch die Person des einen Mannes, der alles nur nach seiner Subjektivität bemaß. Wer dies stets vor Augen hatte, mußte mit tiefem Mißmut erfüllt werden.“ 3 Hessen hatte sich weder an die Preußische noch an die Süddeutsche Zollgemeinschaft angeschlossen (s. auch Müller ״Cassel seit 70 Jahren‘4, S. 204 f.). Die aufs höchste! gestiegene Unzufriedenheit hatte 1830 sogar zu Stürmen auf die Bäckerläden geführt (der sogenannte Bäckerowend).. 1831 kam der Anschluß an das Preußische Zollsystem zustande. Aber erst, 38*

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