Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Kassel nach der Fremdherrschaft
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 590 (sequence 4)
- Language
- German
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590 Felix Lazarus der Antwort des Vorsteheramtes wird der Hauptgrund des Zögerns erkennbar1. Man wollte möglichst lange das Gehalt sparen. Am 23, 12. 1829 droht der Landesherrliche Kommissar mit ein״ seitigem Vorgehen der Regierung. April 1831■-,zwei Petitionen von Privaten. Die erste Eingabe weist darauf hin, daß Kassel von jeher mehrere Rabbiner gehabt und jetzt keinen einzigen habe. Sie empfiehlt besonders Du Herxheimer, den Kreisrabbiner in Ipchwege2. Die zweite, deren Unterzeichner auf 14 Seiten 1 Die Hessische Judenschaft habe alljährlich zur Amortisierung und Verzinsung der für die Schutzjudengelder zu zahlenden Ablösungssumme bedeutende Lasten aufzubringen. Die Kasseler Gemeinde habe eine große Schuldenlast und bald eine neue Synagoge zu erbauen. (25. 1. 1829.) Beides war zutreffend. Die Synagoge war längst baufällig. Eine 1821 vorgenommene Dachreparatur kostet die für die damalige Zeit enorme Summe von 33 Thlrn. Wenn der dringend notwendige Bau immer wieder hinausgeschoben wurde, so trug die große Finanznot die Schuld. ״Die nahrungslosen Zeiten“ spielen in den Berichten der Ältesten eine große Rolle. Der Gehaltsanweisung wird der Vermerk oft beigefügt: ״Wenn Cassa da ist“. Fast 25 Prozent der Gemeindemitglieder waren Unter-׳ Stützungsempfänger. Das Preußische Schutzzollgesetz von 1818 schädigte Hessen aufs schwerste, besonders den Hessischen Leinenhandel, während andere Industrien, wie die Zeug-, Rasch-, Kamelot-, Etamin- und Sammet- Weberei dem Wechsel der Mode zum Opfer fielen. Um 1830 war die Staatskasse so leer und der Kredit des Landes so gesunken, daß Rothschild dem Finanzminister nicht einmal 100 000 Taler borgen wollte und sich erst dazu verstand, als Kurfürst Wilhelm TL die persönliche Bürgschaft übernahm. (Vgl. Brunner, ״Gesch. d. Residenzst. Kassel“, S. 374 f., Wippermann, ״Kurhessen seit den Freiheitskriegen“, S. 202.) Nicht einmal die Witwe des am 2. Mai 1829 verstorbenen Rabbiners Josaphat konnte von der Kasseler Gemeinde würdig gestellt werden. Sie erhielt eine Pension von 75 Talern und wurde mit Brennmaterial unterstützt. An Kapital- Verzinsung hatte man 1829 692 Taler, d. h; fast den vierten Teil der Ausgaben, aufzubringen. Auch, die Vermögensumstände des Rabbiners waren wenig rosig. Das wird durch eine Verfügung der judenschaftlichen Kommission vom 30. 1. 1821 an den Vorstand illustriert, in welcher es heißt: ״Da der hiesige Stadtrabbiner Josaphat sich nicht in den Vermögensumständen befindet, daß derselbe auf die ihm aus der Judenschaftl. Stadt- Gasse gebührende Besoldung von jährlich 208 Rthlr. lange warten kann, so geben wir Ihnen andurch auf, die Einrichtung zu treffen, daß demselben diese Besoldung vom laufenden Jahre an monatlich ausgezahlt werde.“,; -:־■ 2 ־ Salomon Herxheimer (1801-—1884) war seit 1827 zuerst Religionslehrer, dann Kreisrabbiner in Eschwege und wurde 1831 zum Landes-