Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Ein Gedicht Ch. N. Bialiks
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 547 (sequence 3)
- Language
- German
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Ein Gedicht Ch. N. Bialiks 547 einem kürzlich veröffentlichten Brief an Rawnitzki (vom 1. Oktober 1894)1 und auch später oft mündlich geäußert. Der Zwang des Reims und des Metrums führte zu einigen Ungenauigkeiten; Z. 4. heißt es ״Schwingen“ statt einfach, wie sonst immer, ״Flügel“; die Daktylen und Anapäste waren mitunter nur mit Hilfe von Flickwörtern (Z. 3. ״hier“, ״doch“ u. a.) und Flicksilben (Z. 7. ״Herze“) wiederzugeben; daher rührt andererseits die Kürzung von ״Morgen“ in ״Tag“ (Z. 2). ״Verdrossen“ (Z. 14) ist Zusatz. Zeigen solche und andere Mängel die Grenzen der hier verwandten Methode — oder doch die Grenzen dessen, der sie hier verwendet — so sind die Mängel einer ״freien“ Nachdichtung noch erheblich größere. Darüber vergleiche Rosenzweig im ״Nachwort“ a. a. O. II. Zur Methode der Interpretation. Bialik schreibt nicht ״N e u h e b r äi s c h", sondern Hebräisch, also eine Sprache, deren Lebendigkeit — zum mindesten vor 30 Jahren und außerhalbPalästinas — vor allem auf ihrem schriftliehen Gebrauch beruhte. Deshalb kennt sie nicht —bis heute noch nicht — das Wesenszeichen ganz lebendiger Sprachen: den Wörtertod. Wer heute im Hochdeutschen die mittelhochdeutsche Form ״min hüs" statt ״mein Haus" benutzt, spricht unkorrekt; eine parallele Erscheinung läßt sich zunächst für das Hebräische nicht feststellen. Zwar gibt es gleichsam ein Wörterkrankenhaus — so versteht ein palästinensisches Schulkind das biblische מפינה, Schiff, vielleicht nicht ohne weiteres, weil sich statt seiner das —־ gleichfalls biblische! — אביה durchgesetzt hat2 — aber keinen Wörterfriedhof. Man kann mit einer nur ganz geringfügigen Übertreibung sagen: fast jede Vokabel der Bibel und syntaktische Wendung der Mischna sind im modernen Hebräisch lebendig geblieben. 1 Bialik-Heft der Monatsschrift מאזנים, II. Jahrgang Nr. 4/5, S. 366. Tel Aviv, 1934. 2 In S. J. Agnons neuer Novelle ספר ביאליק, בלבב ימים. Tel Aviv 1933, belletristischer Teil, S. 2 ff., heißt es aber ausnahmslos ספ״נה. Allerdings archaisiert der Stil dieses Dichters. Bialik selbst verwendet beide Ausdrücke etwa gleich häufig, so in der Tellübersefczung 16 mal ,אכיר und 14 mal ספינה, während die Haskalaübersetzung Teils von David Radner, Wilna 1884, gerade ,אניד, di© mit Bialik gleichzeitige, aber sprachlich modernere von Ben Zion (Guttmann), Frankfurt a. M., 1923, gerade ספינה vorzieht. Die literarischen Tatbestände stimmen also mit denen der gesprochenen Sprache schon nicht mehr in jedem Falle überein. 35'