Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Begriff der Kawwana in der alten Kabbala
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 504 (sequence 13)
- Language
- German
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504 Gerhard Scholem lenken (הדרכה) der Worte (wieder in dem oben bezeichneten Doppelsinn) zum ״Nichts des Wortes“, das der Urgrund und Urquell des göttlichen Willens ist1, dem sich der Kabbalist im Gebet ausliefert und von dem er sich durchdringen läßt, — das ist das religiöse Anliegen des Gebets. Esras Buch ist, unter dieser Perspektive einer tief mystischen Auffassung des Gebets und der Stadien, die die Versenkung im Gebet durchläuft, eines der wertvollsten und aufschlußreichsten Dokumente der ganzen kabbalistischen Literatur. Es zeigt, mit welcher Intensität das mystische Gebet schon in diesen ältesten Kabbalistenkreisen gepflegt wurde, und es ist zugleich eines der sprechendsten Zeugnisse für das paradoxe, aber sehr nachdrückliche und lebendige Bemühen jener Mystiker, die das mystische Gebet nicht vom allgemeinen liturgischen Gemeindegebet trennen, sondern es eben aus dessen geprägter Form heraus zur Entfaltung bringen wollten2. Gerade die Aufeinanderbeziehung beider ist es, die, historisch gesehen, die Herausbildung des mystischen Begriffes von Kawwana hervorgerufen und begünstigt hat. Die Kawwana leistete — und das zeigt Esras Beschreibung der Meditationen und Versenkungen ganz vorbildlich — was eine Mystik, die sich im Zentrum und im Schoß des Judentums behaupten wollte, am nötigsten brauchte: sie ließ keinen Abgrund zwischen den alten Formen jüdischer Gebetsfrömmigkeit und ihren neuen sich auftun, sondern suchte 1 Vergl. weiter unten die Stelle aus Josef Gikatilas Werk. 2 Es versteht sich, daß Gebete, die von Mystikern und aus der Pflege des mystischen Gebets selbst heraus verfaßt worden sind (worüber man in Heilers angeführtem Buch viel ,Material findet), sich nach Inhalt, Eorm und innerem!Rhythmus wesentlich vom liturgischen Gemeindegebet unterscheiden. Aber es ist durchaus zu betonen, und für die Bindung der Kabbalisten an die spezifisch jüdischen!Formen wichtig, daß in der alten Kabbala jenes freie und selbständige mystische Gebet eine durchaus geringere Rolle spielt als die mystisch (in der Kawwana) umgeschmolzenen altehrwürdigen Gebete der Liturgie, des Siddur, Natürlich hat es an solch andern Gebeten keineswegs gefehlt, und wir besitzen noch eine ganze Zahl davon, darunter auch zvrei kontemplative Gebete aus dem Kreis der provenzalischen Kabbalisten; um 1200. Diese Gebete — die übrigens tannaitischen Autoritäten zugeschrieben wurden — sind schon in der Symbolsprache der Kabbalisten selbst geschrieben, sie drücken ihren kontemplativen Inhalt vollständig durch sich selber aus, und es gibt zu solchen Gebeten keine besonderen Kawwanoth.