Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Begriff der Kawwana in der alten Kabbala
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 499 (sequence 8)
- Language
- German
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Der Begriff der Kawwana in der alten Kabbala 499 Diese schwierige Stelle setzt die besondere Anschauungsweise und Terminologie Isaaks und seines Kreises voraus. Die Potenzen sind die Sefiroth, die Modi (wörtlich ,,Maasse“), in denen das Unendliche, En Sof, Maß annimmt, in denen sich das Begrenzte und Grenzenlose vereinigen. Die Gesamtheit dieser göttlichen Potenzen, die der Uridee, dem ,,reinen Denken“ entstammen, ist der Logos דיבור, das göttliche Wort, das in den ,״Buchstaben“ als den letzten Elementen allen Seins, sich zerlegt oder auch verborgen ist. Die ,,Worte“ דברים sind hier nicht nur die endliehen Worte der menschlichen Rede, sondern bezeichnen zugleich auch die unendlichen des göttlichen Logos oder Dibbur. In diesem bei Isaak recht häufigen Sprachgebrauch sind sie identisch mit den Logoi oder Ma’amaroth, die statt des Terminus Sefiroth in der ältesten Tafel der göttlichen Potenzen, im Buch Bahir* 1 auftreten. Über diesem ,,Wort“ oder diesen ,,Worten“ steht als höchste aller Manifestationen Gottes die מחשבה, das Denken, die Uridee Gottes. Im Verhältnis zu dessen Unendlichkeit2 sind freilich alle jene Logoi endlich: ,,die Logoi הדיבורים — sagt Isaak dort zu Jezira I, 4 — haben Maß und Zahl, das Denken aber ist ohne Maß“. In diesem Sinn bedeutet der letzte Satz des angeführten Passus nicht nur, daß die begrenzten m e n s c hliehen Worte und das menschliche Denken den Betenden zum Unendlichen — der Gottesprädikation dieser Mystiker — erheben, sondern auch den inneren Weg dieses Gebetes in der Kawwana: durch die Sefiroth, die relativ begrenzten ,,Worte“ zum unbegrenzten reinen ,,Denken“ und von da aus in die Tiefe des En Sof selber, von dem das Denken seinen Ausgang nimmt. Die göttlichen Potenzen מדות also sind der Gegenstand der ,,Betrachtung“ oder Meditation, in der der Betende sich auf die in Beschreibung der mystischen Kontemplation in Asriels Kommentar über die talmudischen Aggadoth, die ich veröffentlicht habe (Kitbe jad bekabbala S. 197). Ob diese Terminologie aus neuplatonischen Quellen stammt? 1 Bahir § 96. Vergl. Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung einer Akademie der Wissenschaft des Judentums 1928, S. 15, und den Artikel ,,Bahir“ in der Encyclopaedia Judaica Band III. 2 Diese Unendlichkeit der מחשבה betont schon das Buch Bahir nachdrücklich (§§ 48, 53, 60, 103). 82*