Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Baruch Auerbach und sein Werk
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Baruch Auerbach und sein Werk 485 dieser zu ihm, das schließlich zur Trennung führte. Da Auerbach im Laufe der Zeit eine große Anhängerschaft gefunden hatte, kam so eine unerfreuliche Spaltung in die Gemeinde. Einige Züge lösen sich jedoch beherrschend aus diesem Helldunkel um Baruch Auerbachs Persönlichkeit ab, die ihn wiederum in die Nähe der Pietisten rücken. Zu ihnen gehört eine ausgesprochene Herzensfrömmigkeit, die in jedem kleinen rührenden Zufall das wunderbare Walten Gottes zu sehen glaubt. Wenn er z. B. in Augenblicken größter Geldverlegenheit eine Zuwendung für sein Waisenhaus erhielt, glaubte er hierin stets eine Zustimmung von oben zu seinem Werk zu sehen. Hervorstechend ist bei Auerbach weiterhin ein Zug von teilnehmender Güte und mitleidsvoller Sympathie gegenüber Not und Elend. Dieser Zug und nicht eigentlich pädagogische Einsicht war das Motiv, zur Gründung seiner Waisenerziehungsanstalten. Er erzählte es selbst, wie er als Leiter der Knabenschule Gelegenheit hatte, eine große Verwahrlosung unter der jüdischen Jugend zu beobachten. Seine Schilderung wirft ein Licht auf damalige kulturelle Zustände unter den Juden, die anders aussehen als die literarisch-ästhetischen Bestrebungen, die man unwillkürlich als kennzeichnend für die Berliner Juden des 19. Jahrhunderts ansieht. Auerbach berichtet u. a.: ,,eines der Waisenkinder, ein wohlgearteter Knabe, der auch in der Folge von mir in mein Waisenhaus aufgenommeri und ein sehr braver Mensch geworden ist, klagte mir mit tränenden Augen, daß er des Nachts in Wind und Wetter fortgeschickt werde von den Leuten, bei denen er wohnte, um Bier für eine dortige Spielgesellschaft zu holen, und die ihn angehalten habe, ihr Kartenspiel zu erlernen, um im Falle der Not den vierten Mann abgeben zu können“. Für diese meist vaterlosen Kinder wollte er sein Institut errichten. In die Augen springend ist neben der besonderen Art von Frömmigkeit und dem Zuge von Mitleid bei Auerbach vor allem ein ungeheurer Tätigkeitsdrang. Noch ist er z. B. mit der Einrichtung von zwei Stübchen beschäftigt, die das zukünftige Waisenhaus repräsentieren sollen, da ernannte er bereits angesehene Männer zu Kuratoren, ein Amt, das sie erst viel später in Wirklichkeit ausüben konnten. Man verübelte ihm vielfach seine Vielgeschäftigkeit und Betriebsamkeit. So meinten die Kuratoren der Nauenstiftung, als sie auf seine Ent-