Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Kritik der Offenbarungsreligion in der islamischen und jüdischen Philosophie
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 462 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2829132-2829999-2830004-2839001--52936-2839105- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
462 ' Julius Gr litt mann Stellung der metaphysischen Wahrheit sieht; so nahe, daß man versucht ist zu meinen, es handle sich bei Sährastani bloß um eine polemisch verzerrte Wiedergabe der Auffassung der Aristoteliker1; Aber nach dem mannigfachen angeführten Zeugnissen scheint es doch, daß wir bei äahrastani eine radikalere Theorie vor uns haben, die; die Offenbarung ganz in das praktische Gebiet verweist;1 und daß die Aristoteliker sie im Sinne einer vollen Anerkennurig der Offenbarung!ungebildet haben; Fragen wir riach derii Ursprung der Offenbarungstheorie, die sich uns in so mannigfachen Abwandlungen darstellt, so liegt die Antwort nahe, daß die Offenbarüngsreligionen selbst und unter ihnen am stärksten Judentum und Islam sich als göttliches Gesetz verstehen und daß in beiden dieses Gesetz auch die staatliche Ordnüng mitumschließt; Das erklärt es in der Tat, daß etwa der Kalam sich die Lehre vom praktischen Zweck der Offenbarung zu eigen macht und z. B. Sa'adia ihr Ziel ganz in die sittliche Sphäre verlegt2. Aber damit soll; wie gerade das Beispiel Sa,adias zeigt, der Vernunftgehält der göttlichen Lehre keineswegs ausgeschlossen sein, und die offenbarungskritische These, die das göttliche Gesetz ganz iri die niedere' Sphäre der Praxis verweist und: aus derii Bereich der Erkenntnis ausschließt, kann gewiß nicht aus derii Selbstbewußtsein der Offenbarungsreligionen abgeleitet werden. Ihre Herkunft ist vielmehr in griechischen Religioristheörien zu suchen. Ihrer allgerrieinsteri Tendenz nach erinnert sie in ihrer radikalsten Fassung an die Behauptung des Sophisten Kritias, der Götterglaubk sei erfunden worden, um die Menge zur Erfüllung der Gebote anzuhalten. Näher aber berührt sich mit ihr diö bekannte Unterscheidung dreier Arten der Theologie, der 1 Auch die von Sahrastani und Jehuda Halevi den Philosophen zugeschriebene Behauptung, weil die letzte Glückseligkeit des Menschen auf der Vervollkommnung seines Intellekts beruhe, habe für den zu dieser Vollkommenheit gelangten Denker das sittliche Gesetz keine absolute Geltung mehr, läßt sich als eiiie feindselige; Deutung der Lehre der Aristo־ teliker verstehen, die in der ethischen Tugend eine Vorstufe der dianoetischen erblickt; Tatsächlich ist Maimonides in der gleichen Weise , noch von S. D. Luzatto mißdeutet worden (כרם חמד III S. 69). 2 Emundt we Deot III, ed. Landauer S. 125 f.; hehr. Übersetzung, ed. Leipzig 1859 S. 79. ׳• י i