Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Typen der prophetischen Visionen in der Bibel
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 422 (sequence 24)
- Language
- German
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422 Die Typen der prophetischen Visionen in der Bibel Situationen und Bildern bei Ez und Daniel1. Es ist also die Form, die den Unterschied dieser Visionsgattung von den anderen prophetischen Gattungen ausmacht. Die Kenntnis des Ursprungs dieser Form wird uns auch das Verständnis für sie erleichtern. Jede literarische Form, jede Stilart hat ihren Ursprung im Leben; das können wir besonders für die ältere Literatur beweisen. Wie der ,,Botenspruch“ in der prophetischen Literatur (eingeleitet durch כד, אמר יי) seinen Ursprung in der Art des Verkehrs und Übermittlung von Nachrichten im Altertum hat, und die verschiedenen Formen des ,,Streitgesprächs“ auf die Art und Weise des Gerichtsverfahrens der damaligen Zeit zurückgehen, so ist der Ursprung der literarischen Form der Visionsgattung in der Schilderung und Deutung von Träumen zu finden. Das gesammte Altertum glaubte, daß die Träume auf die Zukunft des Menschen hindeuten, daß die Gottheit dem Menschen oder sogar ganzen Gruppen im Traume erscheint, um den Willen, den Auftrag, die Verheißung oder Drohung der Gottheit zu verkünden, — dem entsprechend enthält der Iraum häufig eine Beschreibung der Gottheit und ihrer Attribute. Inhalt des Traumes kann auch ein natürlichei Gegenstand sein oder eine freie phantastische Kombination von an sich natürlichen Gegenständen oder Tätigkeiten, oder schließlich irgend eine übernatürliche Erscheinung. Diese Gegenstände und Tätigkeiten oder die Phantasiegebilde werden als Symbole aufgefaßt und Zug für Zug gedeutet. In der baby- Ionisch-assyrischen Literatur senden die Götter ihren Schützlingen Traumgesichte, die, wenn sie von ihnen nicht verstanden werden, durch Traumdeuter erklärt werden müssen, z. B. im Gilgameschepos, im Gedicht ,,ich will preisen den Herrn der Weisheit“. Auch in den Gudea-Inschriften finden wir sehr viele ausführlich geschilderte Träume. Unter den neu-babylonischen Königen sind es Nebukadnezar und der fromme Nabonid, die bei jedem ihrer zahlreichen Tempelbauten erst durch Träume und Orakelsprüche von der Zustimmung der Götter unterrichtet werden. Während As§urbanipals Feldzug gegen Elan! erscheint die Göttin Ischtar dem ganzen assyrischen Heere im Traume. 1 In einem späteren Aufsatz hoffe ich nachweisen zu können, daß das allmähliche Wachstum der Vision und der Bilder in der apokryphischen Literatur sich fortsetzt.