Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Beiträge zur vergleichenden Sagen- und Märchenkunde
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 335 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2829132-2829999-2830003-2838881--52774-2838931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beiträge zur vergleichenden Sagen- und Märchenkunde 335 sich und verläßt das Haus und sie selbst, indem er ausruft, er wolle nimmer das Ehebett eines wohlwollenden Freundes beflecken und so Gutes mit Bösem vergelten/' Diese Erzählung ist die unmittelbare Quelle zu Ser Giovanni Pecorone Nov. 1. Zu dieser Parallele fügt Liebrecht a. a. Cb noch zwei hinzu, die aber nur entfernt damit verwandt sind, und schließt: ,,Alle drei hier erwähnten Schilderungen, sämtlich auf eines der stärksten menschlichen Gefühle sich beziehend und dasselbe auf verschiedene Weise auffassend erfüllen mit Bewunderung oder Rührung oder mit beiden zugleich und versöhnen für so manches Niedrige und Gemeine, das unserer Seele innewohnt, und nur zu oft durch die Maler derselben dargestellt wird." Gehen wir nun auf. jüdisches Gebiet über, so begegnen uns, nach dem oben Bemerkten sehr natürlich, mehrere Erzählungen, iii welchen der Triumph der Ehre oder des Glaubens über die Leidenschaft der Liebe gefeiert wird. . Zuerst ist hier die Ge־ schichte des Nathan zu erwähnen, der aus Liebesgram erkrankt, in dem Augenblicke, wo die Frau, durch die Not ihres Mannes gedrängt, sich fast in der Gewalt des Nathan befindet, den Worten der Vernunft und der Treue Gehör gibt und die Frau unberührt ,entläßt. Eine zweite Erzählung findet sich im Talmud Menachoth fol. 44 a anknüpfend an das Gebot der Schaufäden. ״Es war einmal ein Mann, der dieses Gebot in hohen Ehren hielt. Eines Tages hörte er von einer B!uhlerin, die 400 Goldgulden für jeden. Besuch empfing. Er schickte ihr die 400 Goldgulden und bestimmte die Zeit, wann er kommen und sie besuchen wollte. Zur bestimmten Zeit fand er sich an ihrem Tore ein, wurde freundlich empfangen und ins Schlafzimmer gebracht. Dort standen sieben Betten übereinander, sechs von Silber und das siebente von Gold, und an einer silbernen Leiter stieg man von einem zum anderen. Auf dem siebenten saß die Buhlerin nackt ihn erwartend. Der Mann stieg hinauf und legte seine Kleider ab, als er zum letzten kam, fiel sein Blick auf die daran befestigten Schaufäden. Da stieg er gleich hinunter und setzte sich auf den Boden. Uber dieses Betragen erstaunt, stieg auch das Mädchen hinunter und setzte sich zu ihm auf den Boden. Sie beschwor ihn, ihr zu sagen, welchen Fehler er an ihr entdeckt, daß er sich so plötzlich von ihr abgewendet habe? Der Mann aber antwortete: ,,Bei Gott!