Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 78 (1934)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Der Kampf um die preußische Judenemanzipation im Jahre 1833
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 294 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829999-2830002-2838770--52707-2838838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
294 Fritz Friedlaender Diskussion der Frage ist nötig, zu der er, Jost, sich auf Grund seiner wissenschaftlichen Leistung berufen fühlt. Die religiöse und sittliche Umbildung der Zeit verlangt eine Auflösung alter Disharmonien. Darum haben die Juden das Recht, für ihre Sache in der Oeffentlichkeit einzutreten. Die Provinzialstände dürfen nicht die allgemeinen Grundsätze der Staatsregierung bestimmen. Denn die Stände, die Notabein handeln aus Privatinteresse, aus Eigennutz. Der Instinkt jeder herrschenden Partei war stets der Emanzipation der andern zuwider. Die Volksmeinung sieht in dem Juden nur den Hausierjuden usw., sie achtet nicht auf die gebildeten Juden. Im übrigen wird das Mißtrauen gegen die jüdischen Mitbewohner durch die Geschichte widerlegt. Es bleibt beachtenswert, daß die Provinzialstände sich nur gegen den schachernden und wuchernden Juden wenden. Ein Staat kann aus den feindseligsten Gesamtheiten bestehen, die in Beziehung auf das Ganze dennoch vereint sind. Die Eigentümlichkeit der Juden erklärt sich aus ihren geschichtlichen Schicksalen. Der Eigennutz und das Gefühl der Obmacht, das der menschlichen Seele so süß ist, unterdrückten bisher die Juden. Sie wurden auf den Handel beschränkt und geradezu als eine Sache behandelt.. Wie konnten sie da Bürgersinn besitzen? Erst neuerdings führt der Fortschritt der Gesittung zur Gleichstellung. Den von Streckfuß geltend gemachten Bedenken wegen der jüdischen Religion ist entgegenzuhalten, daß die Herausreißung einzelner Bruchstücke zur Entstellung führt. In den jüdischen Dogmen ist nichts von Haß und Verachtung Andersgläubiger zu finden, weil Gott auch Gott aller Welt ist. Der religiöse Brauch verhindert nicht die Erfüllung der Staatsbürgerpflicht, weil im Staate der Jude treu dem Staate dient. Denn der Messiasglaube ist nicht irdisch, sondern rein geistig zu verstehen. Seit dem Erwachen des Emanzipationskampfes haben die Juden Staunenswertes geleistet, um die Emanzipation zu verdienen. Die Eigenschaften, die man an ihnen tadle, seien nichts weiter als die Reaktion auf die Unterdrückung. Die berufliche Umschichtung der jüdischen Jugend ist im vollen Gange. Sie kehrt sich vom Schacherhandel ab und wendet sich manchenorts dem Handwerke zu. Demnach ist als Tatsache festzuhalten, daß der Geist der Juden im allgemeinen auf einer Stufe steht, die