Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Beiträge zur vergleichenden Sagen- und Märchenkunde
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 434 (sequence 4)
- Language
- German
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434 M. Gaster 3. F rauen weiße Gänse. Eine einzige versprengte Notiz im Talmud (Berachoth fol. 20a) enthält von R. Gidel folgende drastische Äußerung: R. Giddel pflegte stets am Badehause zu stehen und den badenden Frauen zuzurufen: ,,badet auf diese oder jene Weise, wenn das Bad ein rituelles sein soll/' Einst fragten ihn die Rabbinen: ,,Fürchtet sich der Meister nicht vor dem bösen Triebe?" Darauf antwortete er: ,,Sie erscheinen mir wie weiße Gäns e". So sonderbar dieser Ausspruch im Munde eines Talmudlehrers ist, nicht minder sonderbar ist aber, daß dieses Bild in verschiedenen Literaturen wiederkehrt: In erster Reihe sei hier, der größeren Verwandtschaft halber Boccaccio Decamerone, Einleitung zu Tag IV erwähnt, obwohl dei Zeit nach diese Parallele weit entfernt ist. Ein Florentiner zog sich nach dem Tode seiner Frau mit seinem zweijährigen Sohne von der Welt zurück. In der Einsamkeit wuchs der Knabe unter Fasten und Beten auf und sah nie ein anderes Wesen, als nur seinen Vater, ebensowenig hörte er von weltlichen Vergnügungen. Da er aber das Alter von achtzehn Jahren erreicht hatte, nahm ihn eines Tages sein einsiedlerischer Vater mit nach Florenz, wo er Almosen sammeln wollte, damit jener späterhin nötigenfalls den Weg allein dahin wußte. Der Jüngling bewunderte nun die Paläste und was sich sonst seinen Blicken darbot, und indem er endlich eine Schar schöner Frauen erblickt, fragt er, was das für Geschöpfe seien. Der Vater will ihm den wahren Namen nicht nennen und sagt ,,Es sind Gänse". Der Jüngling beachtet nun nicht weiter die übrigen Herrlichkeiten von Florenz und besteht darauf, eine dieser Gänse mit in die Einsiedelei zu nehmen. Die älteste Parallele ist jedenfalls die aus ,,Barlaam und Josaphat", die mit dieser u. Cento novelle antiche ed. 1525 Nr. 13 in der Erzählung im allgemeinen übereinstimmt, von Boccaccio und dem Talmud sich nur dadurch unterscheidet, daß die Frauen nicht Gänse, sondern Dämonen genannt werden, die die Menschen auf Irrwege führen. Genauer übereinstimmend ist die deutsche Erzählung bei v. d. Hagen: Gesamtabenteuer II, Nr. XXIII. In der Einleitung