Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 396 (sequence 3)
- Language
- German
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396 Besprechungen: In dieser philosophischen Würdigung der Systeme liegt die Eigenart und zugleich der Hauptwert des Guttmannschep Buchs, der es weit über* seine Vorgänger erhebt. Hier spricht ein Philosoph von Fach über die Männer seiner Wissenschaft. Nun ist aber freilich die philosophische Leistung des Judentums, insbesondere im Mittelalter, nicht ausschließlich durch rationale Antriebe bestimmt und aus solchen zu erklären. Bei aller subjektiven Ehrlichkeit des wissenschaftlichen Strebens versuchen die jüdischen Philosophen doch, die unabhängig von der Wissenschaft gegebene jüdische Offenbarungsreligion als berechtigt zu erweisen. Den Konflikt, der sich zumal aus dem Zusammenstoß des persönlichen Gottes״ begriffes der Bibel mit der Lehre des Aristoteles vom ,,ersten Beweger“ und mit Plotins Intuition des ,,Einen“ ergeben mußte, bringt Guttmann namentlich S. 153 ff. zu deutlicher Anschauung, und er behält ihn beständig im Auge; auch dem Gegensatz zwischen dem theoretischen Lebensideal des Peripatos und dem weit stärker praktisch gerichteten des Judentums wird er, zumal in der Darstellung Maimunis, voll gerecht. Aber diese dogmatisch-geschichtliche Bindung ist durchaus nicht die einzige irrationale Komponente in dem Kräftespiel, aus welchem^ sich das mittelalterliche Denken erklärt. Auch in Griechenland, wo diese Bindung fehlt, ist die Philosophie durchaus nicht reine Wissenschaft und demgemäß nicht aus rein wissenschaftlichen Antrieben zu erklären, wie etwa die Mathematik und die Empirie. Sie ist zugleich der wissenschaftliche Ausdruck eines Lebensgefühls, das unabhängig von der Reflexion aus der kulturellen Eigenart des Volkes und der persönlichen Art der Denker erwachsen ist. Die neueren Versuche, das griechische Denken aus ־ der Gesamtkultur des Volkes und den Persönlichkeiten der Philosophen zu begreifen, mögen im Einzelnen teilweise zu weit gehen: grundsätzlich ist diese Heranziehung der irrationalen oder, wenn man will, prärationalen Formkräfte zu billigen. Diese Kräfte aber kommen in Guttmanns Darstellung etwas zu kurz. Wohl erkennt auch er die Einwirkung irrationaler Momente an; die Bedenken gegen Maimunis Umbildung der Religion ״fühlte das genuine Judentum,, lange ehe es diesem Gefühl wissenschaftlichen Ausdruck zu geben vermochte“ (205); die Abwendung von den kühnen Ideen eines Maimonides und Gersonides bringt er 256 f. mit dem Druck der Zeit, der den Flug des. Gedankens lähmte, in Zusammenhang. Wie sich aber solche vorr, philosophische Erwägungen in den Systemen auswirken, erörtert er im. allgemeinen nicht. Wenn; z. B. Bachja durch Bestreitung der positiven Attribute Gottes ״die neuplatonische , Gottes Vorstellung begrifflich ohne Einschränkungen erreicht“, so gibt Guttmann 122 dafür nur rationale Motive. In Wahrheit hält es Bachja für überheblich und unfromm, folglich für ein Zeichen der Entfernung von Gott, wenn wir schwachen Menschenkinder über Gottes Eigenschaften etwas aussagen wollen; und dieses — weit über das Judentum hinaus verbreitete — Motiv religiöser Demut stützt bereits er, wie später Maimuni, durch Berufung auf den Tadel des, Vorbeters T. Ber. 33 b, der Aussagen zu Gottes Lob überschwenglich häufte. Gerade hier hätte sich leicht zeigen lassen, wie ein im vor philo-