Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Beiträge zur Erklärung der Esra-Apokalypse und zur Rekonstruktion ihres hebräischen Urtextes
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 341 (sequence 3)
- Language
- German
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Beiträge zur Erklärung der Esra-Apokalypse 341 Mindestens also gab es Trost und Beruhigung in der bereits verbreiteten Erkenntnis der nicht territorial gebundenen religiösen und sittlichen Aufgabe. Im Mittelpunkt des Denkens aller Frommen als Ort des Kultus hatte Jerusalem nur in der alten Königszeit gestanden, nur damals hatte ״der Fall der Stadt״ von deren besonderem Schutz in Prophetien die Rede war (Jes 3735, 38ß, Ps 489, so auch in unserem Buche 324 27) erschütternd gewirkt, was tatsächlich in den Klageliedern zum Ausdruck kam. Auf die zweite Zerstörung wurden keine Elegien gedichtet1. 3. Wenn der Verfasser der Vision zur Römerzeit gelebt hätte, hätte er angesichts der ganz veränderten Welt, der Zerstreuung der Juden in allen Ländern2 (wobei die Juden in Babylonien unter dem römischen Drucke gar nicht zu leiden hatten), der einflußreichen Stellung der Juden in vielen Gemeinden der Diaspora, der starken Verbreitung dei Kenntnis des Gesetzes und der bereits nicht mir im hebr. Texte, sondern auch in griechischer Über-״" setzuiig gesicherten Erhaltung der biblischen Schriften, unmöglich die ganz anders gearteten Leiden und Sorgen seiner Zeit in einer Einkleidung darstellen können, wie sie die Apokalypse bietet: eine einzige kleine Exulanten-Gemeinde, die nur Schaltiel-Esra zum Führer hat und in Verwirrung ist, weil die überlieferten Schriften verlorengegangen sind. 4. Es wäie die Erwähnung, daß Babylon in Fülle lebe, während Jerusalem verwüstet sei (32), viel zu schwach, wenn das gewaltige römische. Reich gemeint sein sollte, das Judäa vernichtet hatte. Ein Dichter der Römerzeit konnte aber auch nach der reichen historischen Erfahrung nicht an Gott die Frage stellen (330), warum er Babylon verschone und Israel bestrafe, nachdem zu seiner Zeit genügend bekannt war, wie das baby- Ionische, dann das persiscb-medische und andere mächtige Reiche 1 Eine derartige Dichtung wäre im Ritual für den 9. Ah erhalten geblieben (die sich an Bibelsätze anlehnenden kleinen Ge bet-Einschaltungen kommen nicht in Betracht). Erst von Kalir (etwa im 8, Jahrh.) wurden Elegien über die zweite wie über die erste Zerstörung gedichtet, nachdem beide in der Volkserinnerung verwoben waren, vgl. Kaminka, Heathid IV, (1912), 166. 2 Neben den bekannten Stellen in den Sibyllin. Orakeln, bei Philo und Josephus, vgl. z. B. Pesikta r. 28 : והלא אתה מוצא שקיימין ישראל מסרף העולם ועד סופו.