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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1933-01-01 · Heft 5 · p. Seite 340

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
77 (1933)
Issue
Heft 5
Article
Beiträge zur Erklärung der Esra-Apokalypse und zur Rekonstruktion ihres hebräischen Urtextes
Date
1933-01-01
Page
Seite 340 (sequence 2)
Language
German
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340 A. Kaminka gelangt maii aber bei einer genauen Betrachtung des Inhalts zur Überzeugung, daß eine Beziehung der Dichtung auf Ereignisse der Römerzeit ganz unmöglich ist. Die Trauer um Zion und namentlich die Vision von der verzweifelten Mutter (in der Pesikta übrigens ausdrücklich als Vision Jeremias überliefert!) kann sich nur auf die erste Zerstörung als unmittelbares Erlebnis beziehen1. Ein Dichter nach sechshundert Jahren, der doch schon aus der Geschichte wußte, daß bereits einmal das untergegangene Heiligtum wiedererstanden war, konnte weder selbst eine erstmalige Verzweiflung wie über etwas noch nie Geschehenes empfinden, noch eine solche Stimmung fingieren und sie der Frau im Gleichnis eingeben, die, nach ihrer Darstellung, etwas kaum Faßbares erlebt hat. Es konnte auch nur ein Dichter aus der Zeit nach der ersten Zerstörung das Aufhören des Opferkultus als etwas Tragisches darstellen (schon 3,24—25 ist die Auffassung, wonach dem König David die Erbauung Jerusalems zu dem Zwecke aufgetragen wurde, damit dort Opfer dargebracht werden, nur aus einem Gedankenkreise ähnlich dem Ezechiels 43—46 zu erklären). 2. Nach der zweiten Zerstörung hat es gerade in den Kreisen der Schriftgelehrten, zu welchen doch der Verfasser gehört, überhaupt keine allgemeine und niederschmetternde Trauer um den Untergang der Stadt Jerusalem und des Tempels gegeben. R. Jochanan b. Sakkai, in welchem doch gerade ein Dichter aus jener Zeit das Vorbild eines Wiederherstellers der Lehre finden konnte, rief bekanntlich schon lange vorher, als einmal die Tempelpforten in der Nacht sich von selbst aufgetan hatten und dies als ein böses Zeichen gedeutet wurde, ,,Tempel, wie lange wirst du uns noch in Schrecken setzen? wir wissen sehr wohl, daß du zerstört werden wirst!“ Und einem seiner Schüler, der später um das Heiligtum trauerte, sagte er: Nimm dir das nicht zu Herzen, wdr haben etwas besseres als den Opferkultus: menschenfreundliche Werke2. 1 Vgl. die ergreifenden Bilder Jer 3׳lu und Klagel. 12. Diese mögen die Anregung zu der Dichtung gegeben haben, die in Pesikta und in Kalirs Elegie (ebenfalls auf Jeremias bezogen) verschieden bearbeitet sind. 2 Aboth d’ R. Nathan IV. Vgl. jer. Nasir V, 3: Nachum der Medier hätte den Nasiräern, die nach der Zerstörung des Tempels ahnungslos zur Erfüllung ihres Gelübdes nach Jerusalem gekommen waren, doch s agen sollen :wußtet ihr denn nicht aus den Propheten, daß der Tempel untergehen würde?

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