Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte des Buchdruckes und der Zensur bei den Juden in Polen
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 289 (sequence 17)
- Language
- German
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Zur Geschichte des Buchdruckes und der Zensur bei den Juden in Polen 289 darauf wurde der Täufling Czersker zum Mitglied des Komitees ernannt. Neben seinen antijüdischen Neigungen war Czeisker noch durch das Bestreben bestimmt, Tugendhold, den langjährigen Zensor und Selaetär des Zensurkomitees, vor der Regierung bloßzustellen, um ihn zu stürzen oder mindestens das Vertrauen der Regieiungskreise gegen ihn zu erschüttern. Aber Tugendhold hatte auch noch andere Feinde, die es auf seinen Sturz absahen. Er war von der alten Schule der jüdischen Aufklärung in Preußen gekommen und faßte wie jene am Ausgang des 18. Jahrhunderts den Staat im Sinne des aufgeklärten Absolutismus auf1. Obwohl er in den ersten Jahren seiner Tätigkeit in Warschau für eine Polonisierung der Juden2 war, änderte er später nach dem Zusammenbruch des polnischen Aufstandes seine .Meinung in dieser Hinsicht und bejahte die Maßnahmen der russischen Regierung in Polen. Man sah daher in den polnischen Kreisen in ihm einen Gegner. Auch diejenigen Juden, die zu den Polen hielten, waren gegen Tugendhold. Zu diesen gehörte der Direktor der Warschauer Rabbiner״ schule, Eisenbaum, und sein Schwiegersohn Paprocki, Lehrer an dergleichen Schule, die in der Schule selbst starke Polonisierungstendenzen vertraten. Tugendhold, der bei dem Statthalter und anderen Behörden als Übersetzer tätig und gut eingeführt war, hatte dort mehr als einmal auf die in der Rabbinerschuie herrschenden Tendenzen hingewiesen und Abänderungs- Vorschläge gemacht. Somit machte er sich jene Gesinnungsgegner überdies noch zu privaten Feinden. 1841 erschien in Warschau das Werk Schebet Jehuda3, zu dessen Drucklegung die Zensur ihre Erlaubnis erteilt hatte. Daraufhin wandte sich der obenerwähnte Paprocki (nach Ansicht Tugendholds mit Wissen Eisenbaums und anderer) an die Behörden mit einem Schreiben, in dem er sich als Geschichtslehrer der Rabbinerschule gegen den Schebet Jehuda wandte: es enthalte eine Blasphemie gegen Jesum und das Christentum, gegen die Würde des Monarchen überhaupt und gegen die des russischen Zaren insbesondere. Der Zensoi Czersker, von den Behörden um seine Meinung befragt, bestätigte in einem ausführlichen Bericht die Beschuldigungen Paprockis4 und schlug vor, Tugendhold 1 Ueber seine ideologische Abhängigkeit von den jüdischen Aufklärern in Preußen vgl. auch Weinryb in: MGWJ 1932, 145 ff. und in Iwobleter II 4ל. 2 Vgl. Dubnow. Weltgesch. d. jüd. Volkes Bd. IX 8. 238. 3 Friedberg: Bet eked Sepharim S. 581 Nr. 206. 4 Es wurde hier behauptet, schon der Titel Schebet Jehuda sei zu beanstanden; ferner sage dort der spanische König Alfons, die Genealogie Monatsschrift, 77• Jahrgang 19