Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Echtheit des undatierten Privilegs der großpolnischen Judenschaft
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 6)
- Language
- German
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Die Echtheit des undatierten Privilegs der großpolnischen Judenschaft 271 In Polen war es Gewohnheit, daß der König gleich nach seiner Thronbesteigung die verschiedenen Privilegien seines Vorgängers bestätigte. So hat auch Kasimir der Große einige Monate nach seiner Thronbesteigung das Judenprivileg bestätigt. Nach der Thronbesteigung Kasimirs IV. aber war die Situation anders. Da brachen Wirren aus, weil der neue König wegen der Weigerung der Polen, den Litauern Podolien herauszugeben, die polnischen Privilegien nicht erneuern wollte. Diese Streitigkeiten nahmen sechs Jahre die Kraft Kasimirs IV. in Anspruch und so wäre es ihm kaum möglich gewesen, auch wenn er dazu gleich entschlossen gewesen wäre, den Wünschen der Juden zu will״ fahren. Die Juden haben darum gar keine Schritte getan, die Sanktion ihrer Privilegien zu erwirken. Endlich, als unter dem Einflüsse Zbiguiew Oiesnickis, des Führers der Opposition, auf der Zusammenkunft in Petrikau die privilegierten Stände die Bildung einer Konföderation und die Absetzung des Königs beschließen wollten, gab Kasimir IV. nach und es wurde wieder ruhig im Lande. Die Juden, die schon seit langem die Beruhigung im Lande ersehnt und während der ganzen Zeit der andauernden Staatskrise auf einen günstigen Augenblick gewartet hatten, ihre Privilegien vom König bestätigen zu lassen, zögerten nun nicht lange. Sie traten alle zusammen und zwar die Juden Groß- und Kleinpolens, an einem Tage an den König mit der Bitte heran, er möge die Privilegien approbieren, was er auch tat. Gewiß, diese Handlung, das gleichzeitige Erscheinen der jüdischen Delegationen aus beiden Landesteilen Polens und die gleichzeitige Bestätigung ihrer Rechte ist ungewöhnlich und nicht im Sinne der üblichen Formalitäten. Aber erwägt man, wie: unruhig die vergangenen Jahre waren und welche Wirren und Kämpfe ihm obendrein bevorstanden, so wird man verstehen, daß Kasimir IV. die üblichen Formalitäten nicht beachtete.. Der Krieg mit dem deutschen Orden stand vor der Tür; er brach auch de facto aus und nahm, eine längere Zeit (1454—1466) ganz Polen in Anspruch. Jahrelang hatten die Juden auf den günstigen Tag gewartet, da eine Bestätigung ihier Privilegien möglich war. So kann es nicht verwunderlich sein, daß in dem ersten kurzen ruhigen Augenblick sofort beide Delegationen, aus Groß- und Kleinpolen erschienen und die Sanktion der Privilegien forderten.