Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 77 (1933)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Ein Rechtsstreit um den Boden Palästinas im Altertum
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 6)
- Language
- German
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Ein Rechtsstreit um den Boden Palästinas im Altertum 177 geht auf eine echte Tradition zurück1. Die umstrittene Partie des Schiffskatalogs, die schon die Alten so lasen, wie wir sie lesen, ist sicher von attischer Seite verfälscht worden. Die megarischen Gegner schoben nun, wie berichtet wird, ihrerseits andere promegarische Verse in den Homertext ein, in denen sie Aias, den mythischen Herrscher von Salamis, zugleich zum Herrn vieler megarischer Plätze machten2. Die lange Fehde der beiden Städte wurde schließlich durch ein spartanisches Schiedsgericht entschieden, vor dem, wie Plutarch erzählt3, sowohl die aus Homer bezogenen wie andere mythische Argumente zum Territorialkonflikt vorgetragen wurden. Die Griechen streiten also hier mit Versen des Homer ähnlich wie die Juden und Phönicier mit Bibelversen um den Rechtsanspruch auf das umkämpfte Gebiet und verwenden dabei die gleiche Methode der Verfälschung ihrer sanktionierten Urkunden, um ungünstige Aussagen in ihr Gegenteil zu verkehren4. In der römischen Epoche gewann die Ilias eine neue politische Bedeutung. Die Römer benutzten die Legende ihier trojanischen Abstammung von Aeneas, ״um ihrer gewalttätigen Einmischung in die östlichen Verhältnisse einen Schein von Legitimität zu verleihen“5. 1 S. Beloch, Griech. Gesch. I 2, 309 f. gg. Niese, Der homerische Schiffskatalog als historische Quelle (Kiel 1873) S. 31 und Wilamowitz, Homerische Untersuchungen II 1 S. 235 f.: die Pisistratische Rezension. 2 Strabon IX 394 G. 3 Leben Solons, Kap. 10. 4 Auch das spartanische Schiedsgericht erinnert an die Rolle Alexanders des Großen im palästinensischen Territorialstreit. Ein anderes Beispiel für die politische Verwertung des Schiffskataloges: Als der Führer der Phokäer zu Beginn des sog. heiligen Krieges (356 v. Ghr.) sich Delphis bemächtigte, rechtfertigte er seinen Gewaltakt durch Hinweis auf die Iliasverse B 517/18, die die Herrschaft der alten Phokäer über Delphi bezeugten (Diod. XVI 23, 5). 5 Ed. Norden, Vergils Aeneis im Lichte ihrer Zeit, Ilbergs Jhrb. VII (1901) 257 i, der zum folgenden zu vergleichen ist. — Aus der homerischen Verkündigung: ״Einst werden Aeneas und seine Kindeskinder über Troja herrschen“, machten die Römer eine Prophezeiung der römischen Weltherrschaft, indem sie die Verse eigenmächtig verbesserten und lasen: ״Einst werden das Geschlecht des Aeneas und seine Kindeskinder über Alle herrschen“. S. Strabon XIII G. 608. Vgl. Norden a. a. O. 325, 4. ■Monatsschrift, 77. Jahrgang 12