Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Ein französischer Dichter des 14. Jahrhunderts über Raschi
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
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584 Heinz Pflaum Jean de Chavanges mit der zu seiner Zeit geläufigen Anschauung im wesentlichen übereinstimmt1. * * * Weit auffälliger als die in den zitierten Versen enthaltene Beurteilung des Talmuds ist das, was Jean über den •״Verfasser“ des Talmuds vorbringt. Der Talmud verfaßt von einem Juden aus Troyest Es ist offenbar, daß dieser Irrtum eine konkrete Grundlage hat: der Dichter muß auf eine oder andere Weise etwas von Raschi gehört haben und verwechselt dessen Kommentar mit dem Talmud selbst; kein anderer Jude (und besonders kein anderer Jude von Troyes) eignete sich ja so sehr zu einem solchen Quiproquo. In welche Zeit versetzt er ihn? Aus den Worten: ,,man müßte ihn totschlagen“ möchte man ja zunächst schließen, Jean habe geglaubt, daß der Autor des gehaßten Buches noch am Leben sei. Aber dieser Schluß wäre unrichtig; denn man muß bedenken, daß nicht der Dichter selbst, sondern der heilige Joseph spricht. Somit hätte es nach Jeans Meinung um die Zeit von Christi Geburt in Troyes Juden gegeben und einer von ihnen hätte den Talmud verfaßt? Solche Anschauung würde nichts überraschendes haben; Jean selbst, wie die meisten Dichter und Chronisten des späteren Mittelalters, liebt es, die Gleichzeitigkeit von Ereignissen der profanen, besonders der vaterländischen Geschichte mit solchen der biblischen Geschichte festzustellen, und so hat er z. B. auch (f.. 37 v) die Gründung von Reims in den Rahmen der biblischen Chronologie eingestellt. Andererseits darf man doch auch die chronologischen Angaben solch eines mittelalterlichen Dichters nicht zu genau nehmen, besonders wenn sie sich auf längst vergangene Dinge beziehen; wir werden also nur soviel aus den Versen herauslesen dürfen: jener ״Hund von Troyes“ (also Raschi) hat nach Jeans Meinung ״in grauer Vorzeit“ gelebt — daß diese Vorzeit nicht 1300, Jahre, sondern nur 200 Jahre zurücklag, konnte ihm unter allen Umständen weit weniger bewußt werden als einem modernen Menschen. 1 Ich habe diese Dinge hier etwas ausführlich behandelt, weil die vom judaistischem Gesichtspunkt so wichtige Erforschung der Anfänge des christlichen Talmudstudiums bisher recht vernachlässigt worden ist und es daher erwünscht schien, einiges einschlägige neue Material mitzuteilen.