Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Ein französischer Dichter des 14. Jahrhunderts über Raschi
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
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Ein französischer Dichter des 14. Jahrhunderts über Raschi 581 bedingungen, leichteren Zugang zu den Erkenntnisquellen, versprach, als er sie als Jude unter Juden hatte; und wenn er sich an eine apologetische Schrift gemacht hat, so zeigt die relative Flüchtigkeit ihres dogmatischen (christologischen) Teils, die in fühlbarem Gegensatz zur gedanklichen Schärfe und Gründlichkeit der philosophisch-polemischen Kapitel steht, daß er die Apologie nur als Deckmantel benutzte, um ungefährdet seine rationalistischen Ideen ausbauen und veröffentlichen zu können. So ist denn auch die Talmudkritik des Petrus Alfonsi, seiner deistischen Einstellung entsprechend, im Grunde nicht auf die Brandmarkung und Widerlegung solcher Stellen des rabbinischen Schrifttums gerichtet, die sich als Angriffe auf die christlichen Dogmen auffassen ließen, sondern vorzugsweise gegen die anthropomorphistischen Haggadoth, die dem aufgeklärten Jünger des Kal am als Aberglauben, nämlich als Trübung des philosophisch reinen Gottesbegriffs, erschienen. Der Nachhall dieses für den mittelalterlich-christlichen Durchschnittsgeschmack allzu philosophischen Talmudpamphlets ist denn auch im großen und ganzen nicht stark gewesen. Aber in den dreißiger Jahren des 13. Jahrhunderts erwachte infolge der ,,Enthüllungen“ des gleichfalls vom Judentum abgefallenen und wirklich böswilligen Nikolaus Donin das christliche Interesse am Talmud von neuem. Das Gerücht, in den Büchern der Juden gäbe es Ausfälle gegen Christus, das Christentum und die Christen, breitete sich aus; die Sorbonne nahm sich der Sache an und rüstete sich zu jenem Prozeß, der 1244 mit der Konfiskation und Verbrennung zahlreicher Talmudexemplare• und anderer hebräischer Bücher seinen Abschluß fand. So entstand das Bedürfnis nach einer zwar auszugsweisen, aber wörtlichen Talmudübersetzung. Ein Fragment einer solchen lateinischen Talmudanthologie ist kürzlich aufgetaueht und von J. Klapper veröffentlicht worden1; in ihr ist, obwohl sie keinerlei kritische Bemerkungen enthält, das dogmatisch-apologetische Interesse schon ganz deutlich. Einige Zeit später entstand in Frankreich eine Schrift, in den Handschriften meist ,,Pharetra fidei" genannt, in deren erstem Teil in breitem Umfang solche Talmudstellen exzerpiert bzw. 1 Jos. Klapper, Ein Florilegium Talmudicum des 13. Jahrhunderts (Literaturwissenscliaftliclies Jahrbuch der Görres-Gesellschaft, I, 1926, 3—23).