Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Ein französischer Dichter des 14. Jahrhunderts über Raschi
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
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580 Heinz Pflaum (R. Moscheh ha-Sefardi, 1062—1110) im ״Dialogus inter Molsen et Petrum“1 eine größere Anzahl ,,blasphemischer“ Haggadoth der lateinischen Welt mitgeteiit und vom Standpunkt eines radikalen Rationalismus diskutiert. Doch war dieser geistig bedeutende, aber innerlich wurzellose Mann trotz seinem polemisch-apologetischen Traktat und trotz der christlichen Einkleidung seine! berühmten Novellensammlung, der ,,Disciplina Clericalis“2. wie mir scheint, weder ein überzeugter Konvertit noch auch einfach ein karrieresüchtiger und religiös indifferenter Renegat, vielmehr ein philosophisch und naturwissenschaftlich eingestellter Skeptiker und Deist, der sich nach dem Vorbild und unter dem Einfluß des arabischen Kaläm insgeheim zu einer aufklärerischen Universalreligion bekannte3. Den Weg der Taufe hat er vermutlich nur beschritten, weil er dem religiösen Positivismus des Judentums sowieso entfremdet war und sich in der privilegierten Stellung, die ihm die Tarife gewährte4, günstigere Lebens- und Forschungs- 1 Migne, Patrologia Latina, CLVII, 535 ff. 2 Es ist wirklich nur eine ganz äußerliche und. formelhafte, ja, offenbar absichtlich irreführende Einkleidung, der im Innern des Werkes auffallenderweise aber auch gar nichts entspricht; ich halte daher die allgemein geäußerte und auch von Hilka und Söderhjelm in der Einleitung zu ihrer vortrefflichen Ausgabe des Werkes (Acta Societatis Scientiarum Fennicae XVIII 4, Helsingfors 1911) vertretene Annahme, die ,,Disciplina Clericalis“ sei nach der Taufe entstanden, für unbeweisbar; es könnte sehr gut sein, daß Petrus Alfohsi (oder sogar jemand anders!) die erbaulichen Floskeln nachträglich an das längst fertige Werk angeklebt hätte, um dies den Lesern mundgerechter zu machen. Es würde lohnen nach zuprüfen, ob gewisse an biblischen Stil anklingende Wendungen (in denen Hilka den Einfluß der Vulgata zu bemerken glaubt) nicht vielmehr erlauben, das ganze Werk als Übersetzung bzw. Bearbeitung aus dem Arabischen oder Hebräischen zu erweisen. Auch der Titel des Werkes und die Art der Ausschmückung durch Verse weisen auf arnbische Tradition hin, 3 Ich gedenke, die hier angedeutete Auffassung demnächst ausführlich zu begründen. 4 Daß Petrus. Alfonsi schon zur Zeit der Taufe in seiner christlichen Umwelt ein hervorragendes Ansehen als Gelehrter (vielleicht als Arzt?) und dementsprechende Protektion genoß, läßt sich daraus vermuten, daß der König־ (Alfons VI. von Aragon) seihst sich herbeiließ, sein Taufpate zu sein (wie nicht nur aus.dem Beinamen ,,Alfonsi“ hervorgeht, sondern auch aus dem Zeugnis des Vincentius Bellovacensis, Speculum historiale XXVI 118—45).