Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Erforschung jüdischen Denkens im Mittelalter
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 473 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter 473 Sind aber Dichtungen eine ebenso reine Quelle für die Denkweise eines Mannes wie etwa Tagebücher oder solche wissenschaftliche Werke,, für welche er die volle Verantwortung übernimmt? Macht es nicht vielfach dem Dichter (bisweilen, wie bei Julian Apostata noch vor seiner äußeren Loslösung vom Christentum, auch dem Redner) eine gewisse Freude, Anschauungen zu formen, Erlebnisse zu schildern in Dichtungen, die nur zum Teil als ,,Konfessionen“ zu betrachten und als Zeugnisse persönlichen Erlebens zu verwerten sind? In besonders hohem Grade gilt diese Frage von solchen religiösen Dichtungen, die für den Gemeindegottesdienst bestimmt sind. Gabirol umschreibt einmal, wie auch Dreyer einsieht, das große Bekenntnis des Versöhnungstages; will man aus seiner Aufzählung von Sünden Rückschlüsse auf sein Leben ziehen? Mag das Ich seiner Dichtungen individuell oder kollektiv gemeint sein (Dreyer 94), auch im letzteren Falle ist es nicht das des Dichters, sondern das des Beters, für den er schreibt; so sind denn synagogale Dichtungen vielfach weniger mit selbständigen Kompositionen zu vergleichen als etwa mit einer Begleitung, die der Dichter zu der Melodie des jüdischen Jahres schreibt. Jehuda Hallevis bekannte Worte an Zion ,,ich bin die Harfe deiner Lieder“ enthalten einen sehr starken Wahrheitsgehalt, nicht nur für seine Person. Daher möchte ich bezweifeln, ob gerade bei Gabirol z. B. dem Galuterlebnis eine solche Bedeutung zukommt, wie sie Dreyer ihm zuspricht1,, ob nicht vielmehr das überaus häufige Anschlägen dieses Motivs in den Anlässen des jüdischen Festjahres begründet liegt, und ob 1 Ganz abgesehen von den Bedenken gegen Dreyers Galutaulfassung, die mir stark modernisiert zu sein scheint. Das Wort vom ,,faustischen Lebensgefühl des nachtalmudischen Zeitalters“ S. 37 ist allermindestens mißverständlich; und so berechtigt es ist, wenn Dreyer S. 38 meint, die Zwiespältigkeit der Sprache beweise die der Kultur, so wenig ist diese Zwiespältigkeit im Mittelalter'auf den Juden beschränkt.1 Die Welten, zwischen denen der Markgraf Gero von der Nordmark schwankt, sind nicht weniger weit von einander entfernt als die religiöse und die profane Welt bei Gabirol. Das Fremdheitserlebnis des Juden hat also diesen Zwiespalt nicht geschaffen, wohl ■aber hat es ihn eigentümlich gefärbt; und die Wissenschaft kann nur wünschen, daß sich Juden und Nichtjuden bemühen, diese Färbung zu beschreiben, die sich zu verschiedenen Zeiten Und, wie übrigens Dreyer bemerkt, bei verschiedenen Menschen sehr verschieden darstellt.