Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Erforschung jüdischen Denkens im Mittelalter
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 472 (sequence 3)
- Language
- German
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472 I. Heinemann und namentlich seine Mißliebigkeit zu gewinnen; den Grund für letztere sieht er in seiner sehr modernen Sprache, in der freien, oft rationalistischen Auslegung der Thora und in den hohen Ansprüchen seines Selbstgefühls an die Welt. In dem Nebeneinander außergewöhnlichen Selbstbewußtseins und tiefer Demut sieht Klausner eine Polarität in Gabirols Charakter. Die Eigenart seines Hauptwerks, in welchem er bekanntlich die Bibel niemals, von Philosophen nur Platon anführt, möchte Klausner mit gutem Grund daraus erklären, daß dies Buch nicht mit Religionsphilosophen, sondern mit reinen Philosophen von der Art Platons in Wettbewerb treten will. Auf ein solches Vollbild hat es Dreyer nicht abgesehen. Dagegen beleuchtet er die Grundbegriffe der religiösen Gedankenwelt Gabirols nicht nur nach den! Sinn, den sie für den Dichter haben; Begriffe wie Galut, Messias, Sünde, Buße, Gebetserhörung, deren Sinn Klausner bei seinen Lesern als bekannt voraussetzen darf, erläutert Dreyer aus ihren ge- Schichthöhen Wurzeln im biblischen und im rabbinischen Schrifttum, mit besonderer Berücksichtigung von Meinungsunterschieden, um Gabirols besondere Stellung zu bestimmen. Die Antworten des Dichters auf die Fragen, die sein Erforscher ihm stellt, fallen allerdings nicht sehr schärf aus. Die Vorstellung von Gott als Erlöser und von dem Messias als dem Werkzeug der Erlösung ״überschneiden“ einander (S. 721); ob das Sündenbewußtsein rein individuell, national-jüdisch oder universal (in der Natur des Menschen begründet) aufzufassen ist, wird aus Gabirols Dichtung nicht deutlich; als Widersacher der nach Reinheit strebenden Seele erscheint bald der Körper, bald der (böse) Trieb, ohne daß Gabirol einen Ausgleich versucht. Trotzdem läßt sich nach Dreyer durchaus von einer einheitlichen Gedankenweit Gabirols reden. Denn ständig stoßen wir auf zwei Gedanken- ,gänge: die Sehnsucht nach der Befreiung des Volkskörpers von der Schmach der Galut als der Hemmung vom;,biblischen Dasein“ und nach Befreiung des einzelnen von der Befleckung durch die Sünde. Aber beide greifen ineinander; denn ,,auch die Sünde ist eine Galut“; die volkliche und die persönliche Befreiung vollzieht der Messias — als den Weg. z.u Gott* Die Kreise der beiden Arbeiten schneiden sich in der Erforschung der religiösen Persönlichkeit Gabirols aus seiner Lyrik.