Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Briefwechsel zwischen David Kaufmann und Paul Georg von Möllendorf
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 405 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefwechsel zwischen David Kaufmann und Paul Georg von Möllendorff 405 neuen Einblick in bisher ganz unbekannte Verhältnisse gewährt84. Damals war der Türke ein tüchtigerer Mann als der Europäer und die Juden lebten unter ihm ruhiger u[nd] zufriedener als unter den Christen. Überhaupt hat der Türke schon lange mein Interesse, er ist dem Chinesen wie alle Mittel- und Nordasiaten, sehr ähnlich. Nur fehlt dem Chinesen das Talent seinen Soldaten die patriotische Begeisterung einzuflößen, welche beim Türken natürlich zu sein scheint u[nd] durch die Religion noch geschürt wird. Der Chinese ist der Mann des Mittelalters und seit ich den Chinesen zu verstehen trachte, fühle ich ein besseres Verständnis für umnachtete Zeiten und Völker. Deshalb gerade interessiert mich unser europäisches Mittelalter, mit seinen engherzigen Ideen, seinen fanatischen Ausschreitungen, die zum eigenen Verderben führen müßten, seinem Aberglauben, seiner Abgeschlossenheit, alles so echt chinesisch, daß man gleich eine kulturhist[orische] Parallele schreiben möchte. Nur fehlt China der Lichtblick, den Europa doch noch in den Juden hatte, die sich in der allgemeinen] Verdürrung einen klareren Blick bewahrten. Desh[alb] sind jüd[ische] Schriften aus jener Zeit (u[nd] das 17. Jahrh. ist für Deutschland] noch M[ittel]a[lter]) so überaus werthvoll. Wenn das Jewish Chronicle die englische] Übersetzung] Ihrer Schrift über Frauenerziehung abdruckt, so soll mich das sehr freuen, die Zeitung wird auch hier von Juden gehalten. Der Friede ist jetzt geschlossen85, und der Austausch der Ratifikationen ist der nächste Schritt. Zwar habe ich mich den Ereignissen bisher fern gehalten, aber wie es mit mir werden wird, weiß ich noch nicht. Dem Drängen von einer Seite habe ich bisher widerstanden, weil ich die Pflichten gegen meine Familie entgegenhalten konnte, aber es giebt eine Partei, der gegenüber ich verpflichtet bin. Wenn diese mich bittet, muß ich gehen. Dann reist meine Familie nach Europa u[nd] ich muß auf Urlaub u[nd] was damit an Begehrenswerthem zusammenhängt verzichten u[nd] muß mein Fahrzeug wieder gegen den Wind rüsten,!גם זו לטובה Mit herzlichen Grüßen und Wünschen Ihr ganz ergebener V. Möllendorff Nr. 16. Kaufmann an v. Möllendorff. [Budapest, den 16. September 189586.] Hochzuverehrendei Herr! Das Neujahrsfest 5656 soll nicht eintreten, ohne daß ich meine Briefschuld gegen Sie, verehrtester Herr, abgetragen habe. Die Ungezogenheit des Jew. Chronicle, dem ich den Abdruck Ihrer gütigen Übersetzung meiner Erziehungsbroschüre angeboten habe, hat dadurch, daß ich von seiner Antwort Ihnen berichten zu können hoffte, auch meinen eigenen Brief hinausgeschoben. Seither war ich auf einer Ferialreise in dem leider obligaten Karlsbad, acht Tage in Marienbad, fünf Wochen in Colberg und eine im Kurort meines Herzens, im Elternhaus. Die Ferien waren diesmal für mich die reine Correctionsstrafe, denn jeder Tag brachte neue Correcturen, die Strafe, welche die Götter auf das Bücherschreiben gesetzt haben.