Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- R. Michel Chasid und die Sabbatianer
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 375 (sequence 6)
- Language
- German
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R. Michel Ghasid und die Sabbatianer 375 Rechnet man die 6—7 Jahre zurück, so kann nur das Jahr 475 oder 478 in Betracht kommen, da allein in diesen beiden Jahren der 26. Tischri auf einen Freitag fiel. Es dürfte sich jedoch eher um das Jahr 475 handeln, so daß das Rundschreiben vom 5. Oktober 1714, also noch aus dem Jahre des Amtsantritts zu datieren ist. R. Michel hatte demnach sofort nach Übernahme seines Berliner Rabbinats vor aller Welt seine Gegnerschaft gegen die ganze verderbliche Schwärmerei jener Tage kundgegeben und damit nicht bloß zwischen sich und jener, sondern auch zwischen seiner eigenen Vergangenheit und seiner jetzt übernommenen Amtstätigkeit einen offenen Trennungsstrich gezogen. Aus seinem eigenen Hause konnte er freilich die Schatten der Vergangenheit nicht mehr bannen; sie rächte sich durch den Abfall seines Sohnes, welcher den Weg so vieler Genossen aus dem Kreise des R. Juda Chasid ging, vom Judentum sich abwandte und unter dem Namen Sonnenfels als Orientalist an der Wiener Universität seine kabbalistischen Studien veröffentlichte1. Der Bannspruch, den R. Michel an die Gemeinden hinausgehen ließ, läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Bannformein, von überall her aus dem Schrifttum zusammengestellt, häufen sich in erschreckender Folge. R. Michel empfand später wohl selber die Schärfe und entschuldigt sie damit, daß er durch die Umstände von Zeit und Ort sich dazu gezwungen gesehen, und daß er vor allem die leicht zu betörende, unwissende große Menge vor den hinterhältigen Künsten der Sabbatianer schützen wollte. Er schildert die schlaue Art ihres Vorgehens, mit der sie gerade die reinen frommen Seelen einzufangen wissen. Sie nehmen irgend eine dunkle Soharstelle, erklären sie nach ihrer ketzerischen Art und fügen zur Bestätigung den Ausspruch des Sabbatai Zebi selber oder eines ihrer ruchlosen und betrügerischen Sektenpropheten hinzu, so daß der arglose, unwissende Zuhörer wirklich prophetische Verkündigungen göttlicher heiliger Männer zu vernehmen glaubt. Später zeigen sie ihm den Sohar selbst, dessen Dunkelheiten zu begreifen der Leser nunmehr durchaus begehrt und von ihnen aufgehellt wissen will. So hängt er sich an sie zuletzt in so blindem Vertrauen, daß er alle ihre mystischen Aus- 1 Näheres s. bei Landshuth a. a. 0., S. 16 ff.