Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 367 (sequence 13)
- Language
- German
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Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter 367 zeit entstand, werden bei Neumark I 85; III 44 allen Ernstes die platonischen Ideen. Von solcher Verwechslung der Zeiten und Denkweisen ist Husik freilich weit entfernt. Soweit er überhaupt eine Gesamtauffassung des Forschungsgebietes zeigt, ist sie wesentlich durch die zweite Forschungsperiode bestimmt; daher tritt bei ihm das eigentümlich Jüdische hinter dem allgemein Kulturellen weit zurück; und das jüdische Denken des Mittelalters wird von dem des Altertums und der Neuzeit schärfer abgegrenzt, als es uns richtig erscheint. So hat nach ihm die Bibel das philosophische Denken nur dadurch angeregt, daß sie ״kein systematisches Buch“ ist (XV); denn ״die Ethik der Bibel ist rein praktisch“, und ״die Gesetze der Thora beschränken sich auf das praktische (religiöse, rituelle, sittliche) Verhalten“ (300). Aber diesen praktischen Vorschriften liegt doch wohl ein Gottesglaube zugrunde, der gewiß nicht auf wissenschaftlichem Wege gewonnen ist, aber dem ethischen Monotheismus griechischer Denker nahe genug kam, um bereits von den Griechen selbst als verwandt empfunden zu werden und mit ihrer wissenschaftlichen Theologie in besonders enge Verbindung treten zu können. Und indem die talmudische Zeit diese Glaubensgrundlagen bewußt herausarbeitete, sie um eschatologische Lehren vermehrte1, üben dies eine lehrhafte Beschäftigung mit der Religion zur Voraussetzung vollwertiger Frömmigkeit machte, hat auch sie unbeschadet ihres Abstandes von der griechischen Methodik zweifeilos zur Vorbereitung der wissenschaftlichen Bearbeitung der jüdischen Glaubenslehre beigetragen. — Wenn vollends Husik seine Darstellung mit dem Satz schließt: ״In der Neuzeit gibt es Juden und Philosophen, aber keine jüdischen Philosophen und keine jüdische Philosophie“, so ist schwer einzusehen, mit welchem Rechte ein Gelehrter, der selbst den Gedanken einer Entwicklung im Judentum keineswegs ablehnt (301 f.), Männern wie Mendelssohn, Krochmal, Cohen, Rosenzweig, Buber (von den Theologen ganz abgesehen) die Geltung als jüdische Philo- 1 Wie nahe sich die talmudische Jenseitslehre mit der griechischen berührt und wie sehr diese Berührung־ die Verschmelzung beider Lebensanschauungen erleichterte, glaube ich in meiner Schrift ״Die Lehre von der Zweckbestimmung des Menschen". 92 f. gezeigt zu haben.