Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 363 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter 363 heiten der Bibel angeregt; aber sie ist erst entstanden infolge der Berührung mit dem Griechentum; und sie endete, seit der neuzeitliche Individualismus auch in das Judentum eindrang und ihm die einheitliche Grundlage des Bibelglaubens nahm. Nach Neumark dagegen ist die mittelalterliche Philosophie nur die Weiterführung des Kampfes gegen Mythos und Mystik, der sich mit mancherlei Rückschlägen bereits in der biblischen und in der talmudischen Zeit anspinnt und in der Gegenwart, insbesondere im System Hermann Cohens, weiterwirkt. 2. Auf die Methode und auf die einzelnen Lehren haben in nachbiblischer Zeit auch nach Neumark die griechischen Philo״ sophen stark gewirkt. Aber die herkömmliche Scheidung zwischen Aristotelikern und Neuplatonikern hält er für verfehlt. Er geht vielmehr davon aus, daß Aristoteles in der Physik einen immanenten, in der Metaphysik einen transzendenten Gottesbegriff vertreten habe, und scheidet daher die Gruppe der ״Physiker“, die er gern nach Saadja nennt, zu denen insbesondere Maimuni gehört, von den ״Metaphysikern“, die er auch als Gabirolgruppe bezeichnet. Soweit Plotin nachwirkt, ist der Einfluß seiner mystischen Lehren gemindert durch die Anleihen, die er (nach N.) bei Philon gemacht hat; dieser wirkte daher auch auf diejenigen Denker des Mittelalters, für welche sein unmittelbarer Einfluß nicht ״erwiesen“ ist — ״ein eklatantes Beispiel von geschichtlicher Kontinuität im Judentum“. Aus diesen beiden Gesichtspunkten ergibt sich natürlich ein ‘ völlig eigenartiges Bild des jüdischen Denkens. Nicht die Dar- Stellung der jüdischen Philosophie auf Grund der seitherigen Forschung bildet daher Neumarks Aufgabe, sondern die Richtig- Stellung der Gesamtanschauung wie der Einzelbilder. Wohl hat Neumark im einzelnen von Mitforschern wie Malter, Yahuda und Goldziher gelernt und daher im zweiten Bande der hebräischen Ausgabe hier und da eine in der deutschen Ausgabe geäußerte Ansicht zurückgenommen, wie er in der Vorrede freimütig feststellt. Wie wenig aber das Gesamtbild und auch die Methode durch den m. W. einmütigen Einspruch der Fachbeurteiler verändert wurden, zeigt der dritte Band der deutschen Ausgabe. Er ordnet zunächst das talmudische Schrifttum in die Gesamtgeschichte des jüdischen Denkens ein, indem er es sowohl zur