Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 360 (sequence 6)
- Language
- German
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360 I. Heinemann führt hat. Von hier aus erhebt sich die Forderung nach neuen wissenschaftlichen Zielsetzungen, gerade auf dem Gebiete der Erforschung der jüdischen Geistesgeschichte. ״Man hat die jüdischen Philosophen unter falscher Perspektive gesehen: der leitende Gesichtspunkt war, was sie der Außenwelt gegeben und von ihr empfangen haben, nicht, was sie ihrem Wesen nach gewesen sind1/' In der überscharfen Sprache des Neuerers kommt hier ein Gesichtspunkt zum Ausdruck, dem wohl auch der Nichtjude Dreyer, wie wir sehen werden, in seinem Bilde des religiösen Galutjuden Gabirol Rechnung trägt, der aber natürlich dem jüdischen Erforscher der eigenen Vergangenheit ungleich mehr bedeutet. Denn die Bewährung jüdischer. Geistesart war den Denkern des Mittelalters, was sie uns ist: Schicksal und Aufgabe zugleich; aus dem eigenen jüdischen Lebenswillen deuten wir den der Ahnen, um ihre Arbeit in unserer Zeit methodisch fortzuführen. Die Philosophie des jüdischen Mittelalters gehört, als Philosophie, dem breiten Strome des wissenschaftlichen Denkens anr der, von Hellas ausgehend, die Völker der römischen, christliehen, islamischen Welt ergriff; als jüdische Gedankenarbeit ist sie eines der Symptome jüdischen Wesens, wie es sich auch in Mystik und Schrifterklärung, Sage und Dichtung, Recht und Brauch entfaltet hat. Und so leicht sich erkennen läßt, daß sich der jüdische Geist auf all diesen Gebieten von seiner Umwelt anregen und befruchten ließ, so deutlich wird die Selbständigkeit, die er in Auswahl und Umbildung 'des Fremden bewährte —, namentlich wenn man den Blick auf das Ganze gerichtet hält, also dauernde Wirkungen von vorübergehenden Einflüssen scheidet und auch erkennt, welche Strömungen der Außenwelt keinen oder doch keinen nachhaltigen Einfluß auf den jüdischen Geist haben gewinnen können. Gerade in der Geschichte des wissenschaftlichen Denkens läßt sich sehr deutlieh verfolgen, welchen Weltanschauungen sich der Jude nahe, welchen er sich fern gefühlt hat2. Daher hat die Erforschung 1 Adlerblum, A Study of Gersonides (1926) 1; dazu MGWJ 1927, 474. 2 Näheres in meinem Festvortrag ,,Die Idee des jüdisch-theologischen Seminars“ (auch abgedruckt im Jahresbericht des Breslauer Seminars über das Jahr 1929) S. 11 ff. des Sonderdrucks, wo ich versucht habe, die auf den