Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 359 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829983-2829988-2837632--51370-2837749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter 359 Problemlage als solche zu verstehen suchen. Auch hier hat die neuere Forschung im einzelnen zu veränderten Gesichtspunkten geführt; man hat neuere erkenntnistheoretische Untersuchungen zur Deutung des Gersonides heranziehen können; und es wäre eine wünschenswerte Aufgabe, die neuere Behandlung des Problems der Willensfreiheit zur Beleuchtung der jüdisch״mittel״ elterlichen Lösungen zu verwenden. Ungleich wichtiger aber ist die Erschütterung des Vertrauens zum Rationalismus und seiner ״läuternden“ Wirkung auf die Religion, an welche das Judentum sogar in noch viel höherem Maße geglaubt hatte, als die pro״ testantische, geschweige die katholische Theologie. Man mag die modernen Schlagworte von der ״Krisis in der Philosophie“, vom ״Zusammenbruch der Wissenschaft“, vom ״Geist als Wider״;sacher der Seele“ mehr oder weniger berechtigt finden, so viel hat die jüngste Diskussion über sie dem Historiker der Philo״ sophie erneut verdeutlicht, daß Religion und Wissenschaft aus gar verschiedenen Seelentiefen stammen und daß die Schwierig״ keiten, mit denen die Philosophen des Mittelalters offenbar nicht immer erfolgreich gerungen haben, großenteils zu erklären sind aus dem Versuch, diese grundverschiedenen Mächte zur Deckung zu bringen. Mit diesen Bedenken gegen den Rationalismus hängt zusammen, daß der heutigen jüdischen Forschung die Kabbala durchaus nicht mehr die partie honteuse des jüdischen Geisteslebens ist, daß zumal die jüdischen SachwÖrterbücher ihr starke Aufmerksamkeit schenken — wiewohl die Forschung auf diesem Gebiete noch ganz in den Anfängen steckt und man die notwendigsten Grundlagen, ausreichende Editionen, gerade hier besonders schmerzlich vermißt1. Die stärkere Berücksichtigung der Persönlichkeit und ihres Lebensraumes, wie die höhere Einschätzung rein religiöser, rational nicht zu erschöpfender Motive führte von selbst zu einer stärkeren Betonung des jüdischen Gehaltes innerhalb der jüdischen Gedankenwelt. Eine solche aber kam dem schärferen Blick für eigentümlich jüdische Werte entgegen, der sich in den letzten Jahrzehnten bisweilen auch bei Nichtjuden findet, in jüdischen Kreisen aber vielfach zu entrüsteter Abkehr von der Emanzipationszeit und ihren ״assimilatorischen“ Tendenzen ge״ 1 Vgl. G. Scholems Sammelbericht, MGWJ 1931/347 ff., 444 ff.