Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 356 (sequence 2)
- Language
- German
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356 I. Heine mann bei philosophischen Systemen ungleich stärker wirken mußte als bei erklärenden oder gesetzlichen Schriften; es fehlte nicht minder das nachfühlende Verständnis für die selbständige wissen״ schaftliche Gewinnung eines Lebensbildes und für die Ausein״ andersetzung mit den weltanschaulichen Strömungen der Umwelt. Beides — Distanz und Verständnis — gewann ein Geschlecht das, aus dem Ghetto in die europäische Kultur eintrat, ohne den Zusammenhang mit dem Judentum zu verlieren. Männer, die selbst ihre Weltanschauung auf das Studium Kants und etwa Hegels gründeten, fühlten sich den Denkern des Mittelalters, aus dem man doch mit aller Macht hinausstrebte, sachlich gewiß ferner als die Meister der Jeschiwa, — methodisch ungleich näher. Und das Gefühl der methodischen Nähe überwiegt durch״ aus: gern wendete sich die Forschung dem Denken einer früheren Periode zu, aber nicht mehr, um sachlich von ihm zu lernen, sondern um es darzustellen im Sinne der geistigen Strömungen der neuen Zeit: des geschichtlichen Evolutionismus, des philo״ sophischen Rationalismus und des Emanzipationswillens des Judentums. Wenn auch die Forschung etwa von Munk bis auf Saul Horovitz vereinzelt die überkommenen Texte, zumal durch Aus״ gäbe der arabischen Urschriften, zu ergänzen suchte, so legt sie doch das Hauptgewicht auf quellenkritische Untersuchungen, welche die Abhängigkeit der jüdischen Denker von den Arabern, mittelbar auch von den Griechen, erwiesen. Diese Nachweise boten die Grundlage für die scharfe Interpretation der Gedankengänge, wie zumal M. Joel und Jacob Guttmann1 sie unternahmen; ihnen trat früh die Erforschung des jüdischen Einflusses auf Scholastik und Renaissance zur Seite. Wohl ergab sich das Bedürfnis dieser Forschung aus rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten; auch Nichtjuden, wie sie namentlich an der Gabirol-Forschung verdienstlichen Anteil nahmen, haben nach gleichen Methoden gearbeitet. Aber das gab der jungen jüdischen Wissenschaft hier wie sonst (etwa in der Erforschung der religiösen Dichtung und Rede) ihre eigentümliche Kraft und ihren frohen Schwung, daß die Lösung der Aufgaben, zu denen die 1 Vgl. MGWJ 1920r 250 ff.; 1926, 351 ff. und meinen Vortrag ״Manuel Joels wissenschaftliches Lebenswerk", Breslau 1927, auch zum folgenden.