Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 355 (sequence 1)
- Language
- German
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!. Heinemann: Die Erforschung־ des jüdischen Denkens im Mittelalter 355 Die Erforschung des jüdischen Denkens im Mittelalter. Aufgaben und Lösungen. Von I. Heinemann. I. Wer über die Fortschritte auf einem Forschungsgebiete innerhalb eines gröberen Zeitraums zu berichten hat, gleicht bis zu einem gewissen Grade dem Darsteller eines Feldzugs. Wie dieser nicht einfach erzählen kann, daß hier eine Schlacht gewonnen, dort eine Geländeschwierigkeit überwunden wurde, sondern den strategischen Grundgedanken aufzuzeigen und danach die einzelnen Operationen zu erklären und zu beurteilen hat, so wird auch der wissenschaftliche Bericht die einzelnen Arbeiten nicht nur für sich zu betrachten, sondern aus dem Gesamtziel der Forschung zu erklären und zu beurteilen haben, das die einzelnen Zielsetzungen und die Methode der Arbeit bestimmt. Wie sehr die Einzelarbeit, bewußt oder unbewußt, von solchen allgemeinen Zielsetzungen abhängt, zeigt ein kurzer Rückblick und Umblick auf die Erforschung des mittelalterlichjüdischen Denkens im 19. und 20. Jahrhundert. Drei Ziele lassen sich unterscheiden, doch so, daß die älteren neben den jüngeren noch nachwirken: das der Jeschiwa, das der jungen ״Wissenschaft des Judentums“ und das neue Ziel der heutigen Generation. Dieser Wandel ergibt sich aus dem Wandel der kulturgeschichtlichen Methode, der Weltanschauung und der Lage des Judentums. Die vorwissenschaftliche, auf dem Grundsatz der Autarkie aufgebaute jüdische Kultur der Jeschiwa hütete im Rahmen des Gesamtnachlasses der Volksliteratur auch die wichtigsten religionsphilosophischen Schriften und ״lernte“ sie, wohl nicht mit gleicher Schätzung wie die halachischen und exegetischen, aber doch im gleichen Sinn: als Autoritäten (was Abweichung im einzelnen nicht ausschloß), aus denen man das Judentum besser verstehen lernen wollte. Es fehlte also jedes Gefühl zeitlicher Distanz, beruhend auf der Erkenntnis der Bindung jeder geistigen Schöpfung an ihren geschichtlichen Lebensraum^ die natürlich 231