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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1932-01-01 · Heft 4 · p. Seite 326

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
76 (1932)
Issue
Heft 4
Article
Gebot und Mysterienhandlung
Date
1932-01-01
Page
Seite 326 (sequence 8)
Language
German
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326 Michael Guttmann surable Grundanschauungsformen bedingen, die einander, wenn auch nicht prinzipiell ausschließen, so doch mindestens über״ flüssig machen und zu verdrängen suchen, können also in eine Einheit nicht verschmolzen werden. Das vom Stammjudentum abgesplitterte alexandrinische Judentum taucht mit seinem Hellenismus wie ein leuchtender Komet auf, hat mit seiner neu״ artigen Literatur folgenreiche umweltliche Wirkungen ausgelöst und in den Boden des klassischen Altertums Keime gesenkt, die zur Neubelebung der untergehenden Antike sehr viel bei״ trugen. Der Komet selbst verflackerte indes in der doppelten Lichtquelle und verschwand. Das hellenistische Judentum hat es trotz Entfaltung großer Energien nicht zuwege gebracht, ein Dauerjudentum eigenen Typs in die Welt zu setzen. Aus der knappen Skizzierung der jüdischen und hellenisehen Glaubensgrundlagen ergibt sich zunächst, daß die Be- Zeichnungen ״Gesetzesreligion" und ״Erlösungsreligion'" ungenau sind und keine Gegensätze, ausdrücken. Soweit man unter Gesetzen kultisch-rituelle Normen und Vorschriften versteht, sind alle positiven Religionen ״Gesetzes"religionen. ״Das Leben unter dem Gesetz" ist fürs Judentum nicht charakteristischer als fürs zeitgenössische religiöse Hellenentum. Das fürs jüdische Religionsleben so zutreffend scheinende Bild vom Joch des Himmels oder der Gebote, ערל מלכדת שמים oder עול מצורת”" haben die hellenistischen Mysterienreligionen ebenfalls1. Welches ״Joch" das schwerere war, dürfte sich aus modernen Glaubenserfahrungen heraus kaum bestimmen lassen. Der Geschichtsforscher wird aber wissen, daß der religiös interessierte Heide der Antike in gottesdienstlichen Riten einen sehr harten und grausamen Eifer entfalten konnte, sich einer Askese hingeben konnte, die bis zur Selbstentmannung, Selbstverstümmelung und nicht selten bis zum Selbstmord ging; er konnte dem Familienleben entsagen, die menschliche Gesellschaft fliehen, sich dem Einsiedlerleben hingeben. — Die Gebotsreligion hat solche Opfer nie gefordert. Dasselbe gilt vom Begriff der Erlösung: auch der jüdische Fromme hofft auf Erlösung in der vollen Bedeu- 1 Vgl. Reitzenstein a. a. O. S. 196 f.; Guttmann a. a. O. S. 66 f.

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