Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Gebot und Mysterienhandlung
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 323 (sequence 5)
- Language
- German
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Gebot und Mysterienhandlung 323 spruchs Gott gegenüber zum Ausdruck in einem alten Midrasch״ spruch von R. Jochanan (Deut. r. 2, 1): Kein Geschöpf hat Forderungen seinem Schöpfer gegenüber שאין לכרית כלום אצל בוראו. Denn Moses, der Lehrer aller Propheten, kommt vor Gott nicht anders als mit Bitten. Es kann also göttlicher Lohn keineswegs unter eine streng mathematische Gleichung von Leistung und Gegenleistung gebracht werden. Und wenn wiederum dem Streben nach Gebotserfüllung ״ein Gefühl der Sicherheit und Gewißhei t"1 vorgeworfen wird, so steht dem gegenüber die Tatsache, daß gerade oder auch den frömmsten Lehrern des Judentums diese ״selbstgerechte" Sicherheit gefehlt hat. Ein R. Jochanan b. Zakkai war in der Todesstunde aufs tiefste erschüttert von dem Gedanken, daß er bald vor dem himmlischen Richter zu erscheinen habe (Berach. 28 b). Und wenn wir das Blatt wenden, so schlägt der Vorwurf ins Gegenteil um: Auch die umweltlichen Religionen sind von einem Streben nach Heilsgewißheit nicht ganz frei. Eine nach dieser Richtung betriebene Auf״ und Abwertung von Frömmigkeitsarten wird zu keinem eindeutigen Unterscheidungs״ merkmal führen. Das vergleichstheoretische Problem begegnet aber hier noch einer bedenklicheren Schwierigkeit. Das Judentum des ersten Jahrhunderts ist keine Schöpfung dieser Zeit. Wenn man es daher verstehen und kennzeichnen will, muß man auf frühere Jahrhunderte zurückgreifen, — zumindest auf die kritische Zeit des dem Christentum geistesverwandten jüdischen Hellenismus. Die uns interessierenden vergleichswissenschaftlichen Merk״ Zeichen müssen also aus der hellenistischen Zeit hergeholt werden. Durch diese chronologische Tatsache verschiebt sich das ganze Bild. Das Gegenstück zum Judentum des neu״ testamentlichen Zeitalters ist nicht das neugeborene und un״ entwickelte Christentum, sondern das vollendete und seinem weltgeschichtlichen Ende entgegeneilende Hellenentum, ge״ nauer gesprochen: die mystischen und von den orientalischen Vorstellungen befruchteten Seitenströmungen im Hellenismus. Wenn man nun in der Gegenüberstellung von Judentum und Hellenentum das oberste Prinzip sucht und von allem ab״ 1 Bousset״Gre£mann a. a. O. 388 vom Verfasser gesperrt.