Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Geschichte der Aufklärung bei den Juden
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 11)
- Language
- German
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Zar Geschichte der Aufklärung bei den Juden 149 zu, daß auch die Orthodoxen ihre Hand im Spiel hatten1, schiebt aber die Hauptschuld auf die Bemühungen der Missionsgesellschaft. J. Muhr war einer der aktivsten Mitarbeiter Jacobsohns bei dessen Tätigkeit in Berlin und somit sicherlich mit allen Einzelheiten der Reformbewegung vertraut.. . Das Verbot des reformierten jüdischen Gottesdienstes und die Kabinettsordre vom Jahre 1823 werden somit in ein neues Licht gerückt. Obwohl dort als Grund ,,die anliegende Vor- Stellung eines Teils der hiesigen (Berliner) jüdischen Gemeinde'2י angegeben ist, war es also in erster Linie die Missionsgesellschaft, die Proselyten durch ,,überzeugende Predigt" werben wollte3 und hoffte, daß durch das Verbot der deutschen Predigt im jüdischen Gottesdienst ein großer Teil der Reformierten zu ihnen übergehen werde. Die Gesellschaft hat wohl, auf das Ehren- Protektorat des Königs und ihre guten Beziehungen zu Regierungskreisen gestützt, eine Politik ,,hinter den Kulissen" getrieben, die nur den Zeitgenossen bekannt war, aber kaum einen Niederschlag in den Akten gefunden hat. Da nun die jüdischen Konservativen nicht die Hauptschuld an der Abschaffung des reformierten Gottesdienstes trugen, schlägt Muhr keinen gehässigen Ton gegen sie an. Das Ganze ist vielmehr in resigniertem Ton, mit stark religiös-gläubigem Einschlag gehalten. Von der gleichen gedemütigten Haltung werden auch die Ratschläge für Tugendhold bestimmt. ,,Er soll nach Kräften Gutes tun und durch Nachgiebigkeit seine Widersacher zwingen, ihn zu achten." Er soll seine Gegner nicht reizen und ein lebendes Beispiel für Güte und Sanftmut sein." Auch Jacobsohn behauptet in seinem Brief, daß jetzt keine Zeit zu Streitigkeiten sei4. Tugendhold konnte selbstverständlich bei dieser Lage keine Hilfe mehr aus Berlin erwarten und mußte den Kampf selbst auf dem Warschauer Boden austragen. Aber der Briefwechsel zeigt zu Genüge, daß jedenfalls bis zu jener Zeit ein enger Kontakt zwischen Warschau und Berlin bestand. 1 Vgl. unten Anlage. 2 Rönne-Simon: Die früheren und gegenwärtigen Verhältnisse der Juden des Preußischen Staates, Breslau 1843, S. 93. 3 Dubnow a. a. O. S. 39. 4 Vgl. Anlage.