Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zur Geschichte der Aufklärung bei den Juden
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 10)
- Language
- German
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148 B. Weinryb nehmen. Erst nach längerem Schweigen und wiederholten Anfragen J. Tugendholds und seines Vaters kam eine Antwort Muhrs und Jacobsohns vom 27. April 18231. Dieser Brief beleuchtet weniger die Lage in Warschau, als vielmehr die Wirkung, die die Tempelschließung in Berlin auf die Reformer hatte und die Stimmung Jacobsohns und anderer Führer der Reform. Er ist als Zeitäokument wertvoll und charakterisiert die Zustände in Berlin. Der Brief Muhrs, der in deutscher Sprache mit hebräischen Buchstaben geschrieben ist, ist mit hebräischen Ausdrücken und Zitaten durchsetzt2. Dagegen ist die Zuschrift Jacobsohns hebräisch geschrieben. Über dem Ganzen liegt eine stark gedrückte Stimmung und Verzweiflung, die nicht nur Jacobsohn und Muhr, sondern die ganze Gruppe der Reformer erfaßt hatte. Völlige Teilnahmslosigkeit gegenüber jüdischen Angelegenheiten hatte sich aller bemächtigt ,,und wenn ein jugendlich kräftig Gemüt erwacht" und was tun will ,,so rufen die Schlaf sichtigen und Abgespannten von ihrem Lager שרב שכב." Aber der Brief ist noch in anderer Hinsicht von Wert. Er orientiert uns über die Gründe für das Verbot des reformierten Gottesdienstes in einer ganz neuen Richtung. Aus den bis jetzt bekannten Materialien schien hervorzugehen, daß die Orthodoxie das Verbot des reformierten &0^8ך dienstes durchgesetzt habe3. Muhr erzählt aber, daß ,,durch die Gesellschaft, welche sich vereint hat בכי עמנו zum Übergang zum Christentum zu bewegen, gewirkt worden, daß wir den Gottesdienst in der Art, wie wir ihn eingerichtet, cessieren müssen"4. Gemeint ist hier die im Jahre 1822 in Berlin entstandene ,,Ge- Seilschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden", die unter dem Ehrenprotektorat des Königs stand5. Muhr gibt 1 Die Angaben der Evrejskaja Enciklopedia (Bd. XV, 40), Jesaja Tugendhold sei im Jahre 1820 gestorben, müssen somit berichtigt werden. Er selbst nimmt noch auf den Brief Muhrs Bezug. 2 Auf den Wert der Muhrs chen Briefe überhaupt hat schon Brann a. a. O. S. 12 aufmerksam gemacht. 3 Geiger a. a. O.; S. Dubnow: Weltgeschichte des jüdischen Volkes IX (Berlin 1929), S. 42; C. Seligmann: Geschichte der jüdischen Reformbewegung, Frankfurt a. M. 1922, S. 74. 4 Vgl. Anlage. ( 5 Dubnow a. a. O. Bd. IX, S. 39.