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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1932-01-01 · Heft 2 · p. Seite 105

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
76 (1932)
Issue
Heft 2
Article
Die Bedeutung der Bibel für die Weltanschauung Herders und Goethes
Date
1932-01-01
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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Die Bedeutung der Bibel für die Weltanschauung Herders und Goethes 105 Erneuerung einer Metaphysik des Lebens, durch Nietzsche angebahnt, durch Dilthey, Bergson, Simmel methodisch fruchtbar gemacht, sieht in Goethes Naturlehre die bedeutsame Ausprägung einer Philosophie des Lebens. Und wie seine Naturerkenntnis, ist seine Erkenntnis der Religion als des Gefühls der Ehrfurcht in seiner Verschiedenheit von aller Furcht von der Religionpsychologie der Gegenwart in ihrer ganzen Tiefe erschlossen, worden. Und gerade, was für Goethe die wahre Religion ist, die innige Verbundenheit der Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, mit der Ehrfurcht vor dem, was neben und unter uns ist, des Numinosen und des Ethischen, bildet, wie die Religionswissenschaft der Gegenwart erkennt, das Wesen des Heiligen. In der innigen Verbundenheit der numinosen und sittlichen Attribute Gottes aber besteht der charakteristische Grundzug der Religion der Heiligkeit, wie die israelitische Religion genannt wird. ,,Ueberall wo die Größe Gottes erwähnt wird, ist auch auf sein Erbarmen hingewiesen.“ Dieselbe Religion, die Scheu vor Gott zur Grundlage aller Frömmigkeit macht, sieht in der Menschenliebe die Bewährung der Gottesliebe. Wenn Goethe Ehrfurcht vor Gott und Menschenliebe auf Judentum und Christentum verteilt, so entspricht das nicht dem geschichtlichen Tatbestände. Die Heiligkeit Gottes fordert im Judentum die Heiligung des Menschenlebens. ,,Es ist nun kein Geheimnis mehr, wie umfassend sich die Religion des Alten Testaments im Unterschied von den außerbiblischen Religionen an diesem Maße der Heiligkeit bewährt. So ist der innere Bestand, der ihr Wesen ausmacht, berufen, Zeugnis für ihre absolute, in keine Relativität zurückzudrängende Autorität abzulegen.“ (Hänel: Die Religion der Heiligkeit, S. 318). Und so werden wir mit den Worten Troeltschs sagen dürfen, daß ״Goethes Christlichkeit sehr stark der Ehrfurchts- und Humanitätsreligion des Hebraismus angenähert ist.“ (Ges. W, Bd. IV, S. 821). Was Goethe von der israelitischen Religion scheidet, ist das, was den Künstler vom Propheten unterscheidet. Der Prophet sieht die Welt im Zeichen der Geschichte, ihrer Katastrophen und ihrer Gestaltung menschlichen Gemeinschaftslebens, sieht die Welt unter der Aufgabe der Verwirklichung des

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