Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 76 (1932)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Bedeutung der Bibel für die Weltanschauung Herders und Goethes
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 Albert Lewkowitz entschließt sich nie dazu; es ist ein höherer Sinn, der seiner Natur gegeben werden muß und der sich nur bei besonders Begünstigten von sich selber entwickelt/* Nach drei Richtungen kann Ehrfurcht sich wenden und aus diesen drei Richtungen entspringen drei Arten von Religion: Die Religion, welche auf der Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, beruht, nennt Goethe die ethnische, die Religion der Völker. Die israelitische Religion ist ihr höchster Typus. Die zweite Religion gründet sich auf der Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist. Goethe nennt sie die philosophische. Denn der Philosoph, der in der Mitte steht, muß alles Höhere zu sich herab, alles Niedere zu sich herauf ziehen und nur in diesem Mittelzustand verdient er den Namen des Weisen. In der dritten Religion herrscht die Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist. Sie ist für Goethe die christliche Religion, die Ehrfurcht vor dem Leiden und dem Leidenden. Diese drei Religionen der Ehrfurcht aber gehören zusammen, denn sie bringen eigentlich die wahre Religion hervor. Aus ihnen entspringt die oberste Ehrfurcht, die Ehrfurcht vor sich selbst, so daß der Mensch zum Höchsten gelangt, was er zu erreichen fähig ist, daß er auf dieser Höhe verweilen kann, ohne durch Dünkel und Selbstsucht wieder ins Gemeine gezogen zu werden. Religion ist heiliges Gut, die Urreligion, die wahre Religion aber, weil sie alle Menschen verbindet, das Heiligste: Was ist heilig? Das ists, was viele Seele zusammenbindet; band es auch nur leicht wie die Binse den Kranz. Was ist das Heiligste? Das, was heut und ewig die Geister tiefer und tiefer gefühlt, immer noch einiger macht. Die Einheit der religiösen Ehrfurcht und der Wissenschaftliehen Erkenntnis, die selbst eine Form der Religion der Ehrfurcht ist, bedeutet für Goethe die Einheit des Menschen mit sich selbst, die Einheit des Menschen mit dem göttlichen Kosmos der Natur. Goethes Naturanschauung gelangt in der Gegenwart zu neuer Bedeutung. Die Physik und im besonderen die Farbenlehre gehen zwar in den Wegen Newtons. In der Biologie und Psychologie aber macht sich mehr und mehr die Erkenntnis geltend, daß das Lebendige nicht aus dem Toten, die organische Natur nicht aus der anorganischen begriffen werden kann. Eine